Das Geschenk

Der Junge gab der Lehrerin ein Geschenk, worüber sich die anderen Schüler lustig machten. Als sie allein war, konnte sie ihre Tränen der Rührung nicht mehr zurückhalten.

Mrs. Thompson hatte Teddy schon früher in diesem Jahr bemerkt, als sie diese besondere Klasse übernahm, und ihr war sofort klar, dass er nicht allzu gut zu den anderen Kindern passt, dass er schmutzige Kleidung trug und offenbar ein Bad brauchte. Der Junge konnte auch manchmal unhöflich sein.

Nachdem Mrs. Thompson nach Hause zurückgekehrt war, griff sie zur Akte des Jungen. In der Schule, in der sie arbeitete, mussten neue Lehrer die Akten der Kinder aus den früheren Jahren lesen.
Nach einer langen Zeit fand Mrs. Thompson die Notizen zu Teddy. Je mehr sie las, desto überraschter wurde sie.

Teddys Lehrer aus der ersten Klasse schrieb:
“Teddy ist ein glückliches Kind, dass immer lachen und Spaß haben kann. Er erledigt die Aufgaben gewissenhaft und hat gute Manieren. Er ist immer fröhlich.”

Teddys Lehrer aus der zweiten Klasse hinterließ folgende Informationen:
“Teddy ist ein ausgezeichneter Schüler, sticht aus seinen Mitschülern heraus, aber man merkt, dass er mit der schweren Krankheit seiner Mutter kämpft und dass seine Familie zurzeit immer kämpfen muss.”


Die Hinweise zu dem Jungen aus der dritten Klasse waren wie folgt: 
“Der Tod seiner Mutter hat ihn wirklich betroffen. Er versucht, der beste Schüler zu sein, aber sein Vater nimmt ihn einfach nicht wahr. Sein Familienleben wird einen schrecklichen Eindruck auf ihn hinterlassen, wenn keine Maßnahmen ergriffen werden.”

Die Hinweise zu dem Jungen aus der vierten Klasse lauteten wie folgt: 
“Teddy hat sich zurückgezogen und zeigt kein Interesse an am Leben in der Schule. Es kommt vor, dass er im Unterricht schläft und er hat nicht viele Freunde. Er hat damit aufgehört, Hausaufgaben zu machen.”

So war es ein Jahr zuvor, aber zu Beginn des nächsten Schuljahres wusste Mrs. Thompson bereits von der Ursache seines Problems und sie schämte sich für ihre früheren Gedanken. Sie fühlte sich noch schlimmer, als ihre Schüler ihr Geschenke brachten, um Weihnachten zu feiern, die alle schön verpackt waren. Alle, mit Ausnahme des Geschenks von Teddy. Sein Präsent war plump in Zeitungspapier eingewickelt. Neugierig öffnete Mrs. Thompson das Bündel und nahm ein Plastikarmband, an dem ein paar Steine fehlten, sowie eine halbvolle Flasche Parfüm heraus.

Die Kinder sahen dieses Geschenk und lachten. Aber sie verstummten, als die Lehrerin demonstrativ das Parfüm auftrug und das Armband um das Handgelenk legte. Die Frau stellte mit Befriedigung fest, wie sich der Blick des Jungen aufhellte, zum ersten Mal seit langer Zeit sah sie ein Lächeln von ihm.

An diesem Tag wartete Teddy nach der Schule auf Mrs. Thompson. Als die Lehrerin das Lehrerzimmer verließ, ging er auf sie zu und sagte: “Mrs. Thompson, heute riechen sie, wie meine Mutter roch.” An diesem Abend weinte die Frau für eine lange Zeit. Sie traf auch eine wichtige Entscheidung.


Sie entschied sich, dass sie von diesem Tag an noch mehr mit den Kindern arbeiten würde. Sie wollte versuchen ihnen zu helfen, dass sie gute Menschen werden. Sie legte ein besonderes Augenmerk auf den verwaisten Teddy. Von dem Tag an begann sie, mit ihm zu arbeiten und der Junge begann sich zu verändern, so als ob er unter die Lebenden zurückkehren würde. Je mehr sie ihn ermutigte, zu lernen, desto schneller machte er Fortschritte. Als er die Grundschule abschloss, war Teddy der weiseste und klügste all ihrer Schüler und hatte, wie sie zugeben musste, ihr Herz gestohlen. Sie wusste, dass sie ihn vermissen würde.

Ein Jahr nachdem Teddy die Schule verlassen hatte, fand Mrs. Thompson einen kleinen Zettel unter ihrer Haustür. Es stellte sich heraus, dass der Autor ihr geliebter Schüler war. Teddy erinnerte sich daran, dass er noch nie eine bessere Lehrerin getroffen hatte, und er versuchte mit aller Kraft, an der Spitze aller Schüler zu stehen. 

Sechs Jahre später erhielt sie eine weitere Botschaft. Teddy schrieb, dass er die High-School als Drittbester abgeschlossen hatte und dass Mrs. Thompson immer noch die beste Lehrerin sei, den er je getroffen hat.

Vier Jahre später schrieb der Junge wieder. Dieses Mal erwähnte er, dass, obwohl es nicht einfach war und er gerne wieder in seine Schulzeit zurückkehren würde, er in der Lage gewesen ist, einer der besten Schüler auf dem College zu werden. Noch einmal versicherte er Mrs. Thompson, dass sie seine Lieblingslehrerin war und dass niemand anderen wie sie getroffen habe.

Vier Jahre später schrieb der Junge wieder. Er rühmte sich, dass er sich, nachdem er einen Bachelor-Abschluss erworben hatte, sich entschieden hatte, noch ein wenig weiter zu machen. In der Botschaft bestätigte er erneut, dass Mrs. Thompson noch immer die Beste und seine Lieblingslehrerin war. Aber dieses Mal war seine Unterschrift ein wenig länger. Teddy unterschrieb mit seinem vollen akademischen Titel: Theodore F. Stoddard, MD (Dr. Theodore F. Stoddard).


Aber dies ist noch nicht das Ende der Geschichte.
Sie wissen natürlich, dass es im Frühjahr einen weiteren Brief gab.
Teddy schrieb, dass er ein Mädchen getroffen habe und plane, sie zu heiraten. Er erklärte, dass sein Vater vor einigen Jahren gestorben war, und dass er hoffe, dass Mrs. Thompson an dem Platz sitzen würde, welcher am Tag der Hochzeit für die Mutter des Bräutigams reserviert ist. Natürlich stimmte die Lehrerin zu. Und wissen Sie was? Sie legte das Armband an, welches er ihr zu Weihnachten geschenkt hatte und an dem ein paar Steine fehlten.

Sie legte auch das Parfüm auf, dessen Geruch Teddy mit seiner Mutter verband. Am Tag der Hochzeit umarmte sie ihn und Dr. Stoddard flüsterte in das Ohr seiner geliebten Lehrerin:
“Vielen Dank für den Glauben an mich. Vielen Dank, dass Sie mir das Gefühl gegeben haben, wichtig zu sein. Sie haben mit dabei geholfen, dass ich einen Unterschied in meinem Leben spüren konnte.”
Die Frau antwortete:
“Teddy, das hast du alles falsch verstanden. Du warst derjenige, der mir zeigte, dass sich etwas ändern musste. Ich wusste nicht, was es bedeutet, zu lehren, bis ich Dich traf.”

Von der Seite DaduBuzz.de

 

Ein Ungeborenes spricht (von Kerstin Werner)

Als ich vierzehn Wochen im Bauch war, sagten viele zu Mama: „Ich hab gehört, du bist schwanger. Herzlichen Glückwunsch.“
Und sie entgegnete: „Na ja, eigentlich war es ein Unfall. Wir hatten noch keine Kinder geplant. Aber jetzt, wo es so weit ist, müssen wir uns damit anfreunden. Das wird schon irgendwie werden.“
Sie freute sich nicht auf mich? Ich war nicht geplant? Ein Unfall? Ob sie nicht wusste, dass ich schon hören konnte, was sie über mich sagte?
Wenn Papa gratuliert wurde, sagten viele: „Jetzt, wo du arbeitslos bist, ist das mit einem Kind aber bestimmt auch nicht so einfach, oder?
Er antwortete besorgt: „Wir wissen auch noch nicht genau, wie wir das hinbekommen. Irgendwie wird es schon gehen. Aber die Angst, dass wir das Kind nicht satt bekommen, sitzt uns die ganze Zeit im Nacken. Wir kratzen ja jetzt schon am Existenzminimum.“
Er hatte Angst, dass ich nich satt würde? Wie sollte ich mich so auf ein erfülltes Leben freuen? Wusste er auch nicht, dass ich schön hörte, was er von sich gab?
Mama redete sehr oft mit ihrer besten Freundin über mich. Es ging darum, wie sie die Zukunft gestalten sollte. Mama zweifelte sehr stark, ob sie dem Ganzen gewachsen wäre.
Als es darum ging, ob ich ein Kinderzimmer bekommen sollte, entschieden sie sich dagegen: „Wir haben nun ein billiges Bettchen gekauft. Das muss reichen. Es wird erst mal in unserem Schlafzimmer schlafen. Wir hoffen, dass es nicht so viel schreien wird. Sonst bekommen wir auch noch nachts die Krise. Es reicht, wenn wir uns tagsüber den Herausforderungen stellen müssen.“
Papa hatte zu Beginn gefragt: „Wollen wir das Kind nicht abtreiben? Es passt einfach gerade nicht in unser Leben und unsere Lebenssitzation.“
Doch Mama war dagegen.
„Das schaffe ich nicht. Ich kann kein Leben töten“, sagte sie immer.
Dabei tötete sie mich mit ihren verurteilenden Gedanken, den Selbstzweifeln und den abwertenden 
Worten mehr, als ihr bewusst war. Sie stahl mir mein Leben, bevor ich das Licht der Welt erblickt hatte.

Ich konnte all das nicht mehr hören. Die ganzen Sorgen und Ängste. Wie sollte ich die (er)tragen? Meine Seele war noch so zart, so rein und unbekümmert.
Deshalb legte ich mich falsch herum, in der Hoffnung, den Weg nach draußen zu blockieren. Aber die Ärzte schnitten einfach den Bauch meiner Mama auf und holten mich heraus.
Als ich da war, waren Mama und Papa hin- und hergerissen. Auf der einen Seite glücklich, auf der anderen Seite voller Sorgen, ob sie dieser Situation gewachsen wären.
Ob wir arm waren oder reich, das war mir wirklich egal, aber die emotionalen Grundbedürfnisse eines Kindes sind der Nährboden für die Wurzeln. Und genau diese wären hier verkümmert.
Ich wurde nicht willkommen geheißen auf dieser Welt. Mir wurde keine Sicherheit vermittelt, die mir den Rücken gestärkt hätte, und über die Liebe hatten sich jede Menge Ängste und Sorgen gestülpt. Deshalb musste ich für mich eine Entscheidung treffen.
Nach sechs Wochen bin ich abends einfach eingeschlafen und nicht mehr aufgewacht.

Mama und Papa weinen nun. Sie wissen nicht, wieso ich gehen wollte. Aber ich bin ein Kind der Liebe. Ich wollte in dieser Traurigkeit nicht existieren. Diese Last hätte ich nicht tragen können.
Irgendwann werden sie verstehen, wieso ich so früh gegangen bin. Dann werden sie wissen, dass sorgenvolle Eltern nur Kinder voller Sorgen erziehen können, auch wenn es ihnen nicht bewusst ist.
Ich wünsche ihnen wirklich von Herzen, dass sie meine Botschaft empfangen. Mein Tod wird ihnen beim Erkennen helfen.

Jeder Tod birgt die Chance auf Leben. Weil wir mit dem konfrontiert werden, was wirklich zählt. Wir besinnen uns auf das Wesentliche.

Geschichte von Kerstin Werner aus ihren Büchern "Echt sein ist in" und "Mach dein Leben bunt", erschienen im Integral Verlag. Die Bücher können bei ihr auf ihrer Homepage handsigniert bestellt werden.

 

 Eine Geschichte zur Adventszeit

Ein Ladenbesitzer heftete ein Schild über seiner Tür an, auf dem stand "Welpen zu verkaufen". Schilder wie dieses haben eine große Anziehungskraft und bald darauf schepperte blechern die Türglocke und ein kleiner Bub kam in den Laden. "Was kostet so ein Hündchen?" Der Ladenbesitzer antwortete: "Das sind Rassehündchen und kosten fünfzig Euro." Der Bub griff in eine Tasche und zählte sein Geld. Es war nicht viel, nur ein paar Münzen klimperten zwischen einer Handvoll Glasmurmeln und einem Bonbon. "Ich habe mir für einen Weihnachtskalender 5 Euro zusammengespart. auf den würde ich verzichten, aber dafür kann ich mir trotzdem kein Hündchen kaufen. Darf ich sie mir bitte wenigstens ansehen?" Der Besitzer lächelte, pfiff und aus der Hundehütte kam eine Hündin, dem fünf winzige Welpen folgten: Vier sprangen munter herum, aber eines der Hündchen humpelte erbärmlich und konnte seinen munteren Geschwistern nicht folgen. "Warum hinkt das Hündchen", wollte der Bub wissen, "was ist mit ihm?" Der Ladenbesitzer erklärte dem Kind, dass der junge Hund ein verkrüppeltes Beinchen habe und daher nicht zu verkaufen sei. "Was wird mit ihm geschehen?" fragte der Bub. Und der Mann zuckte mit den Schultern und gab keine Antwort. Sachte streichelte der Bub das humpelnde Tierchen. "Hätte ich genug Geld, dann würde ich mir genau diesen kleinen humpelnden Hund kaufen." "Den musst du nicht kaufen, den schenke ich dir, wenn du ihn magst" sagte der Ladenbesitzer. Aber das wollte der Bub nicht. "Nein, ich will ihn nicht geschenkt, er hat es verdient, gekauft zu werden, wie seine Geschwister auch. Er will ernst genommen und geliebt werden. Er ist keine Ausschussware. Wenn Sie ihn mir für meine 5 Euro überlassen, dann würde ich mich freuen." Der Besitzer verstand nicht, warum der Junge diesen kranken Hund haben und noch für ihn bezahlen wollte. "Er wird nie richtig mit dir spielen können oder mit dir herumlaufen. Warum willst du ihn denn, er nützt dir doch gar nichts?" Als Antwort bückte sich das Kind, rollte sein Hosenbein hoch und zeigte dem Ladenbesitzer sein krankes, verkrüppeltes Bein, das von einer dicken Metallschiene gestützt wurde. "Nun, ich laufe selbst nicht so gut und der kleine Hund wird jemanden brauchen, der ihn versteht." Da nahm der Mann die wenigen Münzen, legte dem Kind wortlos den kleinen humpelnden Welpen in den Arm, beugte sich unter das Ladenpult und zog einen schönen Adventkalender hervor. "Den schenke ich dir." Und als das glückliche Kind hinausging und die Türglocke wieder bimmelte, da klang sie plötzlich nicht mehr blechern scheppernd, sondern zart und fein wie ein Weihnachtsglöckchen...

Aus dem Buch: Hühnersuppe für die Seele von Jack Canfield

 

 

Die Wolke und die Düne (von Paulo Coelho

Inmitten eines großen Sturmes über dem Mittelmeer wurde einst eine kleine Wolke geboren. Sie hatte keine Zeit zu wachsen, denn eine starker Wind schob sie zusammen mit vielen anderen Wolken in Richtung Afrika.
Kaum waren sie über dem afrikanischen Kontinent, veränderte sich das Klima. Die Sonne brannte auf die Wolken herab, und unter ihnen erstreckte sich der goldene Sand der Sahara. Da es in der Wüste fast nie regnet, schob der Wind die Wolken weiter in Richtung der südlich gelegenen Waldzonen. Doch wie die Menschenkinder wollte auch die junge Wolke die Welt auf eigene Faust kennen lernen und löste sich von ihren Eltern und alten Freunden. „Was machst du da!“ schalt sie der Wind. „Die Wüste ist überall gleich! Komm zu uns zurück, wir sind auf dem Weg in die Mitte Afrikas, wo es Berge und herrliche Bäume gibt.“ Doch die junge Wolke, die von Natur aus aufmüpfig war, gehorchte nicht. Ganz allmählich ließ sie sich hinabsinken, bis sie auf einer sanften Brise dicht über dem goldenen Sand schwebte. Nachdem sie lange herumgezogen war, bemerkte sie, dass eine Düne sie anlächelte. Auch die Düne war jung, erst kürzlich vom Wind gebildet, der gerade vorübergeweht war. Augenblicklich verliebte sich die Wolke in deren goldenes Haar. „Guten Tag“, sagte sie. „Wie ist das Leben so da unten?“ „Die anderen Dünen, die Sonne, der Wind und die Karawanen, die hin und wieder hier entlang kommen, leisten mir Gesellschaft. Manchmal ist es sehr heiß, aber es ist auszuhalten. Und wie ist es dort oben zu leben?“ „Hier gibt es auch Wind und Sonne, aber der Vorteil ist, dass ich am Himmel umherziehen und viele Dinge kennen lernen kann.“ „Mein Leben ist kurz“, sagte die Düne. „Wenn der Wind aus den Wäldern zurückkehrt, werde ich verschwinden.“ „Macht dich das nicht traurig?“ „Es gibt mir das Gefühl zu nichts nutze zu sein.“ „Mir geht es auch so. Sobald ein neuer Wind kommt, werde ich in den Süden ziehen und mich in Regen verwandeln. Aber das ist mein Schicksal.“ Die Düne zögerte ein wenig, sagte dann aber: „Wusstest du, dass wir hier in der Wüste den Regen das Paradies nennen?“ „Ich wusste nicht, dass ich mich in etwas so Wunderschönes verwandeln kann“, sagte die Wolke. „Die alten Dünen kennen viele Legenden. Sie erzählen, dass wir nach dem Regen mit Kräutern und Blumen übersäht sind. Aber ich werde das wohl nie erleben, da es in der Wüste nur sehr selten regnet. Nun zögerte die Wolke, lächelte dann jedoch: „Wenn du willst, kann ich dich mit Regen bedecken. Ich in zwar gerade erst angekommen, doch habe ich mich in dich verliebt und würde gerne für immer hierbleiben.“ „Als ich dich am Himmel sah, habe ich mich ebenfalls in dich verliebt“, sagte die Düne. „Doch wenn du dein schönes weißes Haar in Regen verwandelst, stirbst du.“ „Die Liebe stirbt nie“, sagte die Wolke. „Sie verändert sich. Ich möchte dir das Paradies zeigen.“ Uns sie begann, die Düne mit kleinen Tropfen zu liebkosen, bis ein Regenbogen erschien. Am nächsten Tag war die kleine Düne mit Blumen übersät. Andere Wolken, die ebenfalls zur Mitte Afrikas zogen, vermeinten, einen Teil der Wälder zu sehen, die sie suchten, und ließen Regen fallen. Zwanzig Jahre darauf war aus der Düne eine Oase geworden, welche die Reisenden mit dem Schatten der Bäume erfrischte. All das, weil eines Tages eine Wolke nicht zögerte, ihr Leben aus Liebe hinzugeben.

Paulo Coelho


 

Das Gasthaus (von Leo Tolstoi)


Ein wohlhabender Mann wollte den Menschen soviel Gutes wie möglich tun. An einem Ort, wo sehr viele Menschen vorbeikamen, richtete er ein Gasthaus ein mit allem, was den Menschen gut tut und Freude macht: mit gemütlichen wärmenden Öfen, Brennmaterial, Beleuchtung; er füllte Vorratsräume mit jeder Art von Lebensmitteln, Gemüse und allen möglichen Erfrischungen; er stellte Betten auf, füllte die Schränke mit vielen unterschiedlichen Kleidungsstücken und Schulen – all das in einem so reichen Maß, dass es für eine große Menge von Menschen ausreichen konnte.
Nachdem alles fertig war, schrieb er eine sehr eindeutige Gebrauchsanweisung für dieses Gasthaus. Darin stand unmissverständlich, wie all die Dinge des Gasthauses benützt werden sollten: Jeder, der in das Gasthaus kam, sollte so lange bleiben dürfen, wie es ihm gut tat; er durfte nach Herzenslust essen und trinken und von allem was im Gasthaus war nehmen. Nur eine Bedingung war dabei: Keiner sollte mehr nehmen, als er im Augenblick brauchte; die Gäste sollten sich gegenseitig helfen und das Gasthaus so verlassen, wie sie es bei ihrer Ankunft vorgefunden hatten. Diese Anweisung nagelte der Mann deutlich sichtbar und für alle lesbar an die Tür des Gasthauses; dann zog er sich selbst zurück.
Aber wie es so geht: Menschen kamen ins Gasthaus, lasen aber die Anweisung an der Tür nicht. Sie fingen an, alles zu benutzen, ohne an die Mitmenschen zu denken. Sie versuchten, möglichst viel von den Vorräten für sich selbst zu sammeln und einzustecken, obwohl sie die meisten Dinge gar nicht nötig hatten. Jeder dachte nur an sich selbst. Sie begannen, sich wegen der Güter im Haus zu streiten. Sie zerstörten sogar die Vorräte in der Absicht, dass die anderen sie nicht bekommen sollten. So zerstörten sie nach und nach alles, was im Gasthaus war. Sie fingen an zu leiden: Sie froren, sie hatten Hunger, sie litten unter dem Unrecht, das sie sich gegenseitig zufügten. Und sie begannen, über den Gastgeber zu schimpfen: Er hätte zu wenig Vorräte in das Gasthaus gegeben: Er hätte Aufseher einsetzen müssen; er hätte allem Gesindel und allen schlechten Leuten erlaubt, ins Gasthaus zu kommen; das Gasthaus habe keinen Herrn und sei ein Unglücksort geworden.
Am Ende dieser Erzählung schreibt Leo Tolstoi: So wie die Menschen im Gasthaus, so verhalten sich auch die Menschen in der Welt. Sie lesen nicht die Gebrauchsanweisung, die Gott ihnen ins Herz geschrieben hat und die er auch aufgeschrieben hat in den großen Lehren weiser Menschen. Sie leben nach ihrem eigenen Willen. Sie ruinieren ihr eigenes Leben und das Leben der anderen. Sie machen sich gegenseitig dafür verantwortlich, sie machen Gott dafür verantwortlich – nur nicht sich selbst. Würden die Menschen doch begreifen, dass ihr Wohlergehen von ihnen selbst abhängt! Sie müssen dazu nur dem Willen ihres großen Wohltäters gehorchen. Dann können sie sich ihres Glücks erfreuen, das größer ist als alles, was sie sich vorstellen können
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Leo Tolstoi

 

 

Die Waagschalen

Was meine Großmutter uns aus der Bibel erzählte, das lebte sie uns im täglichen Leben vor. Sie war still, sonnig, immer freundlich und war eine treue Beterin. Ihr ganzes Leben war ein einziges Lieben und Ertragen von unsagbaren Nöten. Sie lebte an der Seite eines Mannes, der gerade das Gegenteil war. Hart, undankbar, ichsüchtig, ein Flucher, der nie zufrieden war. Hatte er seinen "schlimmen Tag", so mussten wir eilends das Haus verlassen. Schon unter der Tür klärte sie uns liebend auf und meinte: "Kinderchen, geht schnell, der Nordwind weht! Betet für den Großvater, er geht sonst verloren!" Oft verstanden wir die Großmutter nicht mehr und sagten: "Wenn er so ist, dann hat er es auch nicht anders verdient!"

Als ich einmal zu ihr sagte: "Großmutter, gib doch dein Beten für den Großvater auf, es hat doch keinen Sinn, er wird ja immer nur noch schlimmer zu dir", da nahm sie mich an der Hand und führte mich in die Küche. Dort stellte sie eine Küchenwaage auf den Tisch und gab mir folgende Erklärung: "Diese Küchenwaage hat zwei Waagschalen. Nun stell dir einmal vor, Gott habe eine soche Waage für uns bereitgestellt. Hier wird alles, was wir tun, gewogen. Und nun denke dir, in der einen Waagschale sitzt dein schwer gebundener, hartherziger Großvater. Er hat mit seinem steinernen Herzen schon ein ganz beachtliches Gewicht. In der andern Schale aber liegen die schwachen Gebete deiner Großmutter und die von euch Kindern. Vergleichst du so ein Gebet mit dem Gewicht eines Kalenderzettels, so ist dies, im Vergleich zu dem schweren Großvater, gar nichts! Nimmst du aber einen Jahreskalender mit 365 Zettelchen auf die Hand, dann ist es schon ein wenig schwerer. Und nun denke dir 50 ganze Kalender! Die sind schon gehörig schwer! So lange bete ich jetzt für den Großvater. Ich bin überzeugt, es kann nicht mehr viel fehlen, bis unsere Gebete mehr wiegen als Großvater, und sie werden ihn zum Himmel emporziehen. Wäre es nicht schade, wenn wir jetzt müde würden in unserm Beten? Wenn du täglich treu mitbetest, wird Gott uns erhören." Und so betete ich noch sieben Jahre mit der Großmutter um die Errettung des Großvaters. Nachdem sie 57 Jahre im Gebet für ihren armen Mann durchgehalten hatte, nahm der Herr Jesus sie zu sich. Sie starb, ohne die Freude der Bekehrung des Großvaters erlebt zu haben

Erst am Sarge der Großmutter brach der hartherzige Großvater zusammen und übergab sein Leben dem Heiland mit unbeschreiblichen Reuetränen. Gerade ich, die ich vor sieben Jahren noch der Großmutter den Rat gab, nicht mehr zu beten, durfte mit dem 83jährigen Greis niederknien und seine Umkehr erleben. Der einst so gefürchtete Tyrann wurde zu einem sanften, liebenden, treu betenden Großvater, der jeden seiner Besucher unter Tränen ermahnte, sein Leben dem Herrn zu geben. DAs Gewicht der Gebetswaagschalen hatte also den alten Großvater doch noch nach oben gezogen. Und Großmutter darf nun im Himmel dafür danken.

C. H. Spurgeon

   

 

Gebete werden nach dem Gewicht und nicht nach der Länge gemessen.

Ungewöhnliche Geschenke

Ein achtjähriger Junge stand mit den Hirten im Stall von Bethlehem. Er schaute Jesus in der Krippe an, und Jesus schaute zu ihm. Plötzlich spürte er, wie eine warme Träne seine Wange herunterrollte.

"Warum winst du?" fragte ihn Jesus. "Ich kann dir nichts schenken", antwortete er. "Oh doch, du kannst mir etwas geben", entgegnete Jesus. Der kleine Junge wurde rot vor Freude und sagte begeistert: "Ich will dir das Schönste schenken, das ich besitze!" "Drei Dinge möchte ich von dir haben", sprach Jesus weiter. Sofort bot der Junge ihm seine "Reichtümer" an: "Meinen Gameboy, meine elektrische Eisenbahn und meinen neuen Weltaltlas."

"Nein", sagte Jesus. "Ich möchte etwas ganz anderes haben." "Was denn?" wollte der Junge wissen. Ganz leise, damit es sonst niemand hören konnte, sagte Jesus: "Schenk mir deine letzte Klassenarbeit." Da erschrak der Junge! "Jesus", flüsterte er zurück und kam dabei ganz nah an die Krippe, "da steht doch ‚ungenügend‘ drunter!" "Eben darum will ich sie haben", erkärte Jesus. "Du sollst mir immer das bringen, wo in deinem Leben ‚ungenügend‘ drunter steht." Der Junge staunte nicht schlecht.

"Und ich möchte noch ein zweites Geschenk von dir", sagte Jesus. "Deine Kakaotasse." Nun war der Junge verzweifelt. "Die habe ich heute Morgen kaputt gemacht!" "Bring mir immer das, was du im Leben zerbrochen hast", sagte Jesus sanft. "Ich will es wieder heil machen." "Ja, wenn du so was haben willst ...", antwortete der Junge.

"Jetzt mein dritter Wunsch", fuhr Jesus fort. "Bring mir die Antwort, die du deiner Mutter gegeben hast, als sie dich fragte, wie die Tasse zerbrochen ist." "Oh nein", dachte der Junge und legte seine Stirn auf die Kante der Krippe. Er fing an zu weinen und stotterte: "Ich, ich ... habe gesagt, der Becher ist runtergefallen. Aber das stimmt nicht. Ich habe ihn vom Tisch geschubst." "Bring mir alle deine Lügen, deinen Trotz, alles Böse, das du getan hast", bat ihn Jesus. "Wenn du damit zu mir kommst, will ich dir vergeben und dir helfen. Ich will dich davon frei machen und dich in deiner Schwäche annehmen. Willst du mir das von mir schenken lassen?"

Der Junge kam aus dem Stauen nicht mehr heraus. Jesus wollte so ungewöhnliche Geschenke!

 

Verfasser unbekannt. Diese gleichnishafte Geschichte erschien zuerst auf einem Bendorfer Kärtchen von Gleiss, die beim Asaph Verlag erhältlich sind.

 

Gott begegnen

Es war einmal ein kleiner Junge, der unbedingt Gott treffen wollte. Er war sich bewusst, dass der Weg zu dem Ort, an dem Gott lebte, ein sehr langer war. Also packte er seinen Rucksack voll mit einigen Coladosen und mehreren Schokoladenriegeln und machte sich auf die Reise. Er leif eine ganze Weile und kam in einen kleinen Park. Dort sah er eine alte Frau, die auf einer Bank saß und den Tauben zuschaute, die vor ihr auf dem Boden nach Futter suchten.

Der kleine Junge setzte sich zu der Frau auf die Bank und öffnete seinen Rucksack. Er wollte sich gerade eine Cola herausholen, als er den hungrigen Blick der alten Frau sah. Also griff er zu einem Schokoriegel und reichte ihn der Frau. Dankbar nahm sie die Süßigkeit und lächelte ihn an. Und es war ein wundervolles Lächeln. Der kleine Junge wollte dieses Lächeln noch einmal sehen und bot ihr auch eine Cola an. Und sie nahm die Cola und lächelte wieder, noch strahlender als zuvor. Der Junge war selig. Die beiden saßen den ganzen Nachmittag zusammen auf der Bank im Park., schauten den Tauben zu, aßen Schokoriegel und tranken Cola, aber sie sprachen kein Wort.

Als es dunkel wurde, spürte der Junge, dass er müde war, und er beschloss, nach Hause zu gehen. Nach einigen Schritten hielt er inne und drehte sich um. Er ging zurück zu der Frau und umarmte sie. Die alte Frau schenkte ihm dafür ihr allerschönstes Lächeln.

Zu Hause sah seine Mutter die Freude in seinam Gesicht und fragte: "Was hast du denn heute Schönes gemacht, dass du so fröhlich aussiehst?" Und der kleine Junge antwortete: Ich habe mit Gott zu Mittag gegessen und sie hat ein wundervolles Lächeln."

Auch die alte Frau war nach Hause gegengen, wo ihr Sohn schon auf sie wartete. Auch er fragte sie, warum sie so fröhlich aussah. Und sie antwortete ihm: "Ich habe mit Gott zu Mittag gegessen und er ist viel jünger, als ich gedacht habe."

nach Ulrike Scharner

Doch, wir schaffen das!

Eines Morgens erhält ein Witwer die Nachricht, dass er noch am gleichen Abend Besuch vom lieben Gott bekommt. Mit Schrecken stellt er fest, dass sein Haus alles andere als gastfreundlich ausschaut: überall Schmutz, Unordnung und herumliegende Kleider. Wie wild beginnt er, aufzuräumen und zu putzen. Am Mittag hat er allen Mut verloren, fertig zu werden. Verzweifelt ruft er die Nachbarn zur Hilfe. Aber alle haben Ausreden. Enttäuscht arbeitet er alleine weiter gegen das Chaos. Da sieht er plötzlich durch die Staubwolken einen anderen Mann, der mit zupackt und kräftig hilft. Obwohl die beiden pausenlos schuften, kommen sie nur langsam voran. "Wir schaffen das nie", sagt der Witwer. "Doch, wir schaffen das", ermutigt der andere.

Als die Sonne untergeht, sind die beiden fertig. Sie decken noch den Tisch. Dann sagt der Witwer erleichtert: "So, jetzt kann der hohe Besuch kommen." "Ich bin doch schon längst da", sagt der andere, "komm, setz Dich zu mir, wir wollen miteinander essen und feiern!"

Für mich ist das eine trostreiche Geschichte: Gott lässt uns nicht im Stich und ist für uns auch dann da, wenn wir es nicht merken... Der Verfasser der Geschichte ist mir leider nicht bekannt.

 

Die Parabel von den zwei Knaben

Es geschah, dass in einem Schoß Zwillingsbrüder empfangen wurden. Die Wochen vergingen, und die Knaben wuchsen heran. In dem Maß, in dem ihr Bewusstesein wuchs, stieg die Freude: "Sag, ist es nicht großartig, dass wir empfangen wurden? Ist es nicht wunderbar, dass wir leben?" Die Zwillinge begannen, ihre Welt zu entdecken. Als sie aber die Schnur fanden, die sie mit ihrer Mutter verband und die ihnen die Nahrung gab, da sangen sie vor Freude: "Wie groß ist die Liebe unserer Mutter, dass sie ihr eigenes Leben mit uns teilt!"

Als die Wochen vergingen und schließlich zu Monaten wurden, merkten sie plötzlich, wie sehr sie sich verändert hatten. "Was soll das heißen?" fragte der eine. "Das heißt", antwortete der andere, "dass unser Aufenthalt in dieser Welt bald seinem Ende zugeht". "Aber ich will gar nicht gehen", erwiderte der eine, "ich möchte für immer hier bleiben." "Wir haben keine andere Wahl", entgegnete der andere, "aber vielleicht gibt es ein Leben nach der Geburt".

"Wie könnte dies sein?" fragte zweifelnd der erste, "wir werden unsere Lebensschnur verlieren, und wie sollten wir ohne sie leben können? Und außerdem haben andere vor uns diesen Schoß hier verlassen, und niemand von ihnen ist zurückgekommen und hat uns gesagt, dass es ein Leben nach der Geburt gibt. Nein, die Geburt ist das Ende!"

So fiel der eine von ihnen in tiefen Kummer und sagte: Wenn die Empfängnis mit der Geburt endet, welchen Sinn hat dann das Leben im Schoß? Es ist sinnlos. Womöglich gibt es gar keine Mutter hinter allem." "Aber sie muss doch existieren", protestierte der andere, "wie sollten wir sonst hierher gekommen sein? Und wie könnten wir am Leben bleiben?" "Hast du je unsere Mutter gesehen?", fragte der eine. "Womöglich lebt sie nur in unserer Vorstellung. Wir haben sie erdacht, weil wir dadurch unser Leben besser verstehen können."

Und so waren die letzten Tage im Schoß der Mutter gefüllt mit vielen Fragen und großer Angst. Schließlich kam der Moment der Geburt. Als die Zwillinge ihre Welt verlassen hatten, öffneten sie ihre Augen. Sie schrieen: Was sie sahen, übertraf ihre kühnsten Träume.

 

Pfr. Hermann Kiefer

Mein Kind,...

...zwischen der Mitternacht und dem Morgenfrost, da sie mich zum zweiten Verhör schleppten, hab ich in deinem Kerker geweilt. Einsam, zerschlagen, geschändet, saß ich gefesselt auf einem Pflock, dachte an dich und an den werdenden Tag. Deinen Kerker hab ich gekostet, nichts von seinem bittersüßen Verwesungsgeruch ist mir erspart geblieben. Alle Kerker aller Wesen, die in Verzweiflung sich sträuben gegen die Freiheit Gottes, ich habe sie bis zur tiefsten Kammer durchwandert. Untern, zuunterst in dir, in der lichtlosen Schmach deines Nichtkönnens und deiner Weigerung hab ich meine Wohnstatt gewählt. Wie eine kleine Wurzel die schwersten Steine auseinadersprengt, so habe ich sacht die Wand deines Gefängnisses erschüttert. Noch stemmst du dich mit der Kraft der Verzweiflung gegen meine Liebe, aber schon beginnt dein Arm zu erlahmen; du weichst, Schritt für Schritt, meinem Druck.

Ich werde dir das Geheimnis nicht verraten, in dessen Kraft ich deine Verzweiflung überwand. Das Kind, erschöpft von trotzigen Tränen, schläft endlich ein; es hat am nächsten Morgen seinen Widerstand und seinen untröstlichen Kummer vergessen. Große Magie liegt in diesem gelöschten Gedächtnis: ein neues Blatt ist aufgeschlagen, ein neues Kapitel beginnt. Ob du kannst, ob du nicht kannst, danach wird im Augenblick nicht gefragt. Einzig danach, dass ich konnte. Als du einsam in dir selber verschlossen grübeltest über dein tiefes Versagen, warst du seltsam uneins in dir, mit dir selber warst du zerfallen. Deine Einheit – in jener schwermütigen Umarmung von Lust und Reue – war ein bloßer Schein. Leise, ohne dass du es merktest, habe ich dich auseinandergefällt und dir so die Einheit geschenkt.

An Fortschritt denkst du nicht mehr, das ist gut so. Du wärest immer nur auf dich selber hin fortgeschritten. Wirklich fort wäre dein Schritt nie gegangen. Jetzt lass das Grübeln, lass die Toten das Tote begraben, kehre ab deinen Blick vom Elend deiner Fesseln und wende ihn hin zu meinem Elend, einen langen beharrlichen Blick. Du wirst sehen, was du nicht glauben wolltest. Dein Kerker ist mein Kerker geworden, und meine Freiheit ist deine Freiheit geworden. Frage nicht, wie das zuging, sondern freu dich und danke. Auch ein Leichnam modert nicht ewig; er löst sich auf, Wasser und Würmer verschleppen seine Essenz, und wenn die Jahe vorbei sind, liegt an seiner Stelle gesunde, fruchtbare Erde. Endlich bist du, das ist wahr; darum ist auch dein Widerstand endlich, und ich werde endlich fertig mit dir.    

Die harten Schalen sinken zu Boden wie die Schutzblätter der Blüten, der Panzer springt, ein Falter klettert heraus. Blind, unbewusst hängt er sich an eine Kante, während das Blut ihm die Lappen der Flügel dehnt. Wenn er fühlt, dass sie steif und schimmernd geworden sind, lässt er, ohne Entschluss, wie von selber, den Ast und beginnt seinen Flug.
Und was du von deinem Ich gesagt hast, ist Torheit. Du wärst nicht mein Geschöpf, wenn du nicht offen geschaffen wärest. Alle Liebe drängt aus sich selber hinaus in den unermesslichen Raum einer Freiheit, sie sucht das Abenteuer und vergisst dabei sich selber. Ich sage nicht, dass du dich selber befreien konntest, denn dazu bin ich gekommen. Auch nicht, dass die Freiheit der Liebe in dir selber beschlossen lag, denn ich habe sie dir gegeben. Der Vater hat dich zu mir gezogen.

Du bist frei. Ein Engel stieß dich in die Weichen, die Schellen fielen von deinen Gelenken, das Tor sprang von selber auf, ihr beide schwebtet an den schlafenden Wachen vorbei bis ins Freie. Du wähnst noch immer, es sei Traum. Reibe dir den Schlaf aus den Augen. Du bist frei, hinzugehen, wohin dir beliebt.
Aber sieh, noch manche deiner Brüder schmachten im Kerker. Wirst du deine Freiheit genießen, während sie leiden? Oder willst du mir helfen, ihnen die Fesseln zu lösen? Zusammen mit mir ihren Kerker zu teilen?

 

Aus: Hans Urs von Balthasar: Das Herz der Welt

 

 

Der unheimliche Auftrag:
Stehlt die Zeit

Der Teufel hatte eine weltweite Versammlung einberufen. In der Eröffnungsansprache sagte er zu seinen Dämonen: "Wir können die Christen nicht davon abhalten, in die Gemeinde zu gehen. Wir können sie auch nicht adavon abhalten, die Bibel zu lesen und dadurch die Wahrheit zu erkennen. Wir können sie aber davon abhalten, dass sie eine persönliche Beziehung, voller Liebe, zu Jesus entwickeln und beten. Wenn sie dieses Verhältnis zu ihm gewinnen, ist unsere Macht über sie gebrochen. Und wenn sie beten, sind wir in Gefahr. Also, lasst sie in ihre Gemeinden gehen. Lasst ihnen ihren Lebensstil, aber stehlt ihre Zeit, so dass sie diese Liebesbeziehung zu Jesus Christus nicht aufbauen können – und auf gar keinen Fall – beten! Das ist mein Auftrag an Euch, die Engel der Unterwelt. Lenkt sie davon ab!"

"Wie sollen wir das anstellen?" fragten seine Dämonen.
"Beschäftigt sie ständig mit der ganzen Fülle unwichtiger Nebensächlichkeiten des alltäglichen Lebens und denkt Euch immer wieder etwas Neues aus, um ihre Gedanken zu beherrschen", antwortete der Teufel.
"Verleitet sie dazu, dass sie viel ausgeben, viel verbrauchen und verschwenden, viel ausleihen und ausborgen. Überredet die Ehefrauen, sich ganz fauf ihren Beruf zu konzentrieren und unendliche Stunden an ihrem Arbeitsplatz zu verbringen. Und überzeugt die Ehemänner davon, jede Woche sechs, am besten sieben Tage zu arbeiten, jeden Tag 10 bis 12 Stunden. Nur so können sie sich ihren sinnlosen Lebensstil leisten.
Haltet sie davon ab, Zeit mit ihren Kindern zu verbringen und für sie zu beten. Wenn ihre Famlilien schließlich auseinandergebrochen sind, wird ihr Zuhause keinen Schutz mehr bieten. Stopft ihre Köpfe so voll, dass sie die sanfte, leise Stimme des Heiligen Geistes nicht mehr hören können. Verführt sie dazu, ständig das Radio oder den Kassettenrekorder einzuschalten, wenn sie Auto fahren. Seht zu, dass unermüdlich der Fernseher, der Videorecorder, der CD-Player und die Computer in ihrer Nähe laufen. Und passt auf, dass in keinem Geschäft und in keinem Restaurant dieser Welt irgendwann während des Tages oder der Nacht etwa eine schöne und harmonische Musik zu hören ist. Bombardiert sie vielmehr mit zotiger und aufpeitschender Musik, so laut ihr könnt. Das wird allmähliche ihre Gedanken vergiften, und die Einheit und Verbundenheit mit dem Reich Gottes und mit Christus zerstören.
Überschwemmt die Frühstückstische mit Zeitungen und Zeitschriften. Hämmert ihnen 24 Stunden lang am Tag die neuesten Nachrichten ein. Bedeckt die Straßen mit Schildern und Plakaten für irgendwelche Produkte, und redet ihnen ein, dass sie diese unbedingt zum glücklich sein brauchen. Überflutet ihre Briefkästen mit Werbung, mit Angeboten von Gratis-Produkten und Diensten, die falsche Hoffnungen hervorrufen. Bildet in den Zeitschriften und auf den Titelseiten schöne, gut geformte Models ab, damit die Ehemänner immer mehr glauben, dass äußere Schönheit entscheidend ist und sie ihre Frauen unattraktiv finden. Auch das wird dazu beitragen, die Familien ganz schnell zu zerstören.

Lasst sie auch im Urlaub nicht zur Ruhe kommen. Gebt Euch alle Mühe sie ständig abzulenken und zu beschäftigen, so dass sie erschöpft und voller Unruhe zurück zu ihrer Arbeit gehen. Seht zu, dass sie sich nicht durch Spaziergänge und Wanderungen an der Natur erfreuen und auf keinen Fall etwa Gottes Schöpfung bewundern. Schickt sie statt dessen in Vergnügungsparks, Discos, in Sportveranstaltungen, Konzerte und ins Kino. Euer Ziel muss sein, dass sie beschäftigt, beschäftigt und noch einmal beschäftigt sind. Dass sie nur ja keine Zeit mit der Frage nach dem Sinn des Lebens und mit Gott verbringen!
Und wenn sie sich mit anderen Christen treffen, dann lasst sie nicht über Gott sprechen, sondern füllt ihre Gespräche mit Klatsch und Small Talk, so dass sie sich mit einem schlechten Gewissen und ungutem Gefühl verabschieden. Vor allem sage ich Euch immer wieder, haltet sie davon ab, dass sie Zeit zum Beten finden, Zeit, um Gott zu loben und zu preisen. Ich kann das Gejaule nicht ausstehen, es macht mich wahnsinnig!
Lasst ja nicht ab in Euren Bemühungen. Sie müssen immerzu überbeschäftigt sein, damit sie keine Evangelisation veranstalten und Seelen für Gott gewinnen können. Liefert ihnen für diesen angeblichen Mangel an Zeit so viele gute Entschuldigungen, dass sie sich keine Kraft mehr von Gott holen. Bald werden sie aus ihrer eigenen Kraft leben und ihre Gesundheit, ihre Familie und Gott für die Sicherheit, das Ansehen vor der Welt und ein gutes Gehalt opfern. Es wird funktionieren!"

Es war ein tolles Treffen. Die Dämonen gingen eifrig an ihren Auftrag, die Christen überall auf der Welt, noch mehr als bisher zu beschäftigen und zu jagen...

Verfasser unbekannt

 

 

Die kleine Dohle

Ein Einsiedler sah eines Tages im Wald einen Falken.Der brachte zu einem Dohlennest ein Stück Fleisch, zerriss es in kleine Stücke und fütterte damit eine kleine verwaiste Dohle. Das verwunderte den Einsiedler. Dann dachte er: Nicht einmal eine Dohle lässt Gott umkommen. Er hieß den Falken für die struppige Waise sorgen. Da sieht man, dass Gott alle seine Geschöpfe ernährt, und wir sorgen uns um uns selbst. Ich werde mir keine Gedanken mehr um mein Weiterkommen machen und aufhören, Vorräte zu hamstern: Gott lässt sein Auge von keinem Wesen, auch nicht von mir.
Der Einsiedler verkroch sich tiefer in den Wald und lobte Gott. Drei Tage und drei Nächte blieb er ohne einen Bissen, ohne einen Trunk. Am dritten Tag war der Einsiedler so entkräftet, dass er die Hände nicht mehr heben konnte. Vor Schwäche schlief er ein. Im Traum erschien ihm ein Heiliger. Der trat zum Einsiedler und sprach zu ihm: "Warum sammelst du keine Speise für dich? Du denkst, Gott wird dir zu Willen sein. Du versündigst dich. Gott hat die Welt also geschaffen, dass jedes Geschöpf selber für das Nötige sorgt. Den Falken hieß Gott die Dohlenwaise füttern, weil sie selbst sich nicht helfen kann. Aber du kannst dich selbst rühren. Du willst Gott versuchen. Erwach und gib dir Mühe wie ehedem!" - Der Einsiedler wachte auf und lebte wie früher.

Leo Tolstoi

 

 

 

Manchmal brauchst du einen Engel

Vorsichtig lugt die kleine Julie durch die Ritzen der Bretter in ihrem Holzverschlag. Sie sieht ihre Eltern und ihre Brüder beim Abendessen und hört, wie sie über das morgige Weihnachsfest sprechen. "Wenn ihr ganz lieb wart, kommt morgen das Christkind." "Was ist das Christkind?" fragt ihr kleiner Bruder. "Das Christkind", erklärt der Vater liebevoll, "ist ein Engel, der von Gott kommt und uns reich beschenkt." Und dann beginnt die Mutter mit ihrer sanften Stimme das Lied zu singen, das Julie mehr als alles andere liebt: "Manchmal brauchst du einen Engel, der dich liebt und versteht. Gott schickt manchmal einen Engel, wenn er deine Sorgen spürt."

Als sie Mamas Lied vom Engel hört, beginnt Julie lautlos zu weinen. Wie gerne würde sie jetzt auch mit am Tisch sitzen. Stattdessen hockt sie ganz allein in ihrem Holzverschlag. So wie immer. Seit ihrer Geburt hat sie keinen Platz in dieser Familie. Voller Abschu schaut sie auf ihren linken Beinstumpf. Als ihre Eltern bei ihrer Geburt sahen, dass Julie mit einem verkrüppelten Bein auf die Welt kam, waren sie verzweifelt. Sie glaubten, dass Gott sie bestraft habe, weil sie etwas Böses getan hätten. Damit niemand aus der Nachbarschaft diese Schande mitbekam, sperrten sie Julie weg. Seit sechs Jahren lebt sie eher wie ein Tier in diesem Käfig.

Wie schön müsste es sein, mit anderen Kindern zu spielen, in der Schule etwas zu lernen, mal in den Arm genommen und gestreichelt zu werden. Sie beginnt – wie so oft – zu beten. Denn Mama hat gesagt, wer lieb ist und gut betet, dem hilft Gott. Aber ihr hat noch nie jemand geholfen. War sie nicht lieb? "Lieber Gott, ich weiß, dass du viel zu tun hast. Aber wenn du mal nicht weißt, was du tun sollst, schick mir doch auch mal einen klitzkleinen Engel." Sie presst ihre kleinen Hände zusammen. Da klopft es an der Tür. Neugierig und gespannt schaut Julie durch einen Spalt zwischen den Brettern. Vor der Tür steht eine fremde Frau. "Guten Tag, ein schönes Haus habt ihr, darf ich herein kommen?" Fasziniert lauscht Julie der warmen Stimme, die sie in ihren Bann zieht. "Mein Name ist Schwester Virgula. Ich bin auf der Durchreise." Sie sieht, wie ihre Eltern sich verstohlene Blicke zuwerfen. Sie kennt das. Wann immer Besuch kommt, haben die Eltern Angst, dass jemand Julie entdeckt. Die Eltern bitten die fremde Schwester herein. Sie hört, wie ihre Eltern sich unterhalten. Das Gespräch plätschert so dahin. Doch plötzlich zeigt Schwester Virgula in Julies Richtung. "Was habt ihr denn dort in diesem Verschlag?" Bevor ihr Vater antworten kann, steht die Schwster auf. Julie hält den Atem an. Da erscheint ein gütiges Gesicht. "Hallo meine Kleine. Was bist du für ein hübsches Kind." Und schon nimmt die Schwester sie in ihre Arme. Eine nie gekannte Welle der Wärme und Geborgenheit durchfließt das kleine Kind.

Sie hört zu, wie die Schwester lange mit den Eltern redet: Gott liebt eure Tochter." "Wie denn?", entgegnet ihr Vater, der nun richig wütend ist, "siehst du denn nicht ihr böses Bein! Sie ist eine Strafe Gottes." Schwester Virgula kennt die Indonesier gut, weiß um ihre Ängste und lässt sich nicht beirren. "So ein Schicksal kann jeden treffen. Julie ist keine Strafe Gottes. Ihr habt nichts Böses getan, glaubt mir." Behutsam fängt sie an zu reden, über Gottes unendliche Liebe, über Geschichten von Jesus, der zu den Kranken ging. Über Jesus, der selbst in einem Stall zur Welt kam, um zu zeigen, dass er für alle da ist. Während der gesamten Zeit streichelt die Schwester Julie. Sie berührt ihre krankes Bein. Und Julie ist es so wohlig warm.

"Geben Sie unsere Tochter her und verlassen Sie sofort das Haus." Die Stimme ihres Vaters lässt alle ihre Träume zerplatzen. "Nein, lieber Gott. Lass das nicht vorbei gehen." Und in ihrer Not fängt sie an zu singen: "Manchmal brauchst du einen Engel, der dich liebt und versteht. Gott schickt manchmal einen Engel..." Schlagartig wird es ruhig im Raum. Ihre Eltern schauen sich an. Ihre Mutter fängt an zu weinen. Die Schwester schaut sie an. "Wenn ihr wollt, nehme ich Julie mit mir. Ich habe ein Haus, in dem wir uns um Kinder wie Julie kümmern, damit auch sie eine Zukunft haben. Eure Tochter wird es dort gut haben. Das verspreche ich euch." Die Eltern überlegen kurz, nicken sich zu und ihr Vater sagt: "Ja, ich glaube, das ist für uns alle das Beste. Aber reitet erst weiter, wenn es dunkel ist. Ich will nicht, dass euch jemand sieht." Dann steht er auf und verlässt das Haus. In der Dämmerung macht sich Schwester Virgula mit Julie auf den Weg in ein neues Leben. Die halbe Nacht reiten sie schweigend durch die Wildnis. Julie schaut in die sternenklare Nacht. "Lieber Gott, danke, dass du mir einen Engel geschickt hast."Und sie summt leise die Melodie: "Manchmal brauchst du einen Engel..."und schläft ein.

Eine Weihnachtsgeschichte aus der Mission der Steyler Missionare von Jürgen Welzel

 

Die allergrößte Liebe 

"Du denkst also, dass es wahr ist?" fragte der Mann seinen Freund. "Meinst du, dass Er es ist?"

"Ich weiß es nicht. Manche behaupten, Er sei es, während andere behaupten, Er sei es nicht", antwortete der Freund.

"Wenn Er es wäre, dann würde Er bestimmt nicht zulassen, dass sie Ihm dies antun", wunderte sich der Mann.

"Wer weiß, welchen Plan Gott für jeden hat?" sagte der Freund und zuckte mit den Schultern.

"Warum beschimpfen Ihn so viele Leute und lachen Ihn aus? Ich habe gehört, dass Er nur Gutes getan hat: die Kranken geheilt, die Hungrigen gespeist und die Bedürftigen versorgt. Warum sind sie so wütend auf Ihn? Das macht keinen Sinn", hakte der Mann nach.

"Du weißt ja, wie es ist. Wenn du heute die Macht und Autorität von machen bedrohst, riskierst du dein Leben. Das hat Er getan, und jetzt bezahlt Er den Preis dafür", meinte der Freund.

"Es ist nicht recht, dass ein guter Mensch so behandelt wird", sagte der Mann und schüttelte den Kopf voller Abscheu über das, was geschah.

"Er sagte, Er sei der Messias, und Er sagte, Er sei der Sohn Gottes. Deswegen kreuzigen sie Ihn", warf ein anderer Mann aus der Menge, die Ihn umgab, ein.

"Wir sprachen gerade darüber. Meinst du, dass Er es ist?" fragte der erste Mann.

"Ich weiß es nicht, aber wenn ich Ihn am Kreuz anschaue, ist mir, als ob mein Herz brechen würde, und mir ist, wie wenn Er mich berührte und es wieder ganz macht", antwortete der Mann aus der Menge.

"Wenn Er der Messias wäre, würde Er da nicht vom Kreuz herabsteigen und des uns zeigen?" wollte der erste Mann wissen.

"Vielleicht will Gott, dass dies geschieht. Vielleicht will Gott, dass Sein Sohn aus einem Grund stirbt, den wir noch nicht verstehen", meinte der Freund.

"Was für ein Grund könnte das sein?" fragte der erste Mann.

"Ich weiß es nicht, aber wenn Gott diesen Grund hat, dann wird es ein sehr guter Grund sein", antwortete der Mann aus der Menge, der schon vorher gesprochen hatte.

"Er schaut mich an", sagte der erste Mann.

"Nein, Er schaut mich an", beharrte der Freund.

"Nein, ich bin es, den Er anschaut", sagte der Mann aus der Menge.

"Vielleicht schaut er uns alle an", sagte der erste Mann, und die anderen beiden nickten zustimmend.

"Sein Gesicht ist voller Schmerz. Beten wir für Ihn, dass Sein Leiden bald ein Ende hat", schlug der Freund vor.

"Seine Augen scheinen meine Seele zu durchdringen", sagte der erste Mann und begann zu weinen. "Meine auch", sagten der Freund und der Mann aus der Menge beinahe gleichzeitig, und dann begannen auch sie zu weinen. "Beten wir für Ihn", schluchzte der erste Mann, und dann opferten die drei weinenden Männer ihre von Tränen erfüllten Gebete für den leidenden Jesus am Kreuz auf.

Als sie beteten, waren ihre Augen auf die Augen Jesu gerichtet, und jeder von ihnen fühlte, wie die Liebe Jesu in sie eindrang und ihr Inneres berührte. Gemeinsam fielen die drei auf die Knie und riefen Jesus leise zu: "Vergib mir. Es tut mir leid. Vergib mir."

In diesem Augenblick hob Jesus Sein Haupt und rief aus: "Vater, vergib ihnen. Sie wissen nicht, was sie tun."

Der erste Mann sagte, während er seine Augen immer noch auf Jesus gerichtet hielt, zu den anderen beiden: "Er ist es. Ich weiß, dass Er der Messias ist." Immer noch weinend, schluchzten die anderen beiden: "Wir wissen es – ja, wir wissen es." Sie blieben dort, weinend schauten sie auf zu Jesus am Kreuz. Dann, in Anwesenheit aller anderen, hörten sie Jesus ausrufen: "Vater, in Deine Hände befehle Ich Meinen Geist."

Als Jesu Haupt sich senkte und sein letzter Atemzug die Luft erfüllte, trat eine Stille ein, bis die Erde bebte und der Hauptmann, der beim Kreuz stand, einstimmig mit diesen drei Männern ausrief: "Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn!"

Kurze Zeit später sagte der erste Mann zu den anderen beiden, während sie neben dem Kreuz warteten und Jesus anblickten, der immer noch dort hing: "Ich spüre in meinem Innern eine Gewissheit, dass Er dies getan hat, weil Er mich liebte. Ich kann es nicht erklären. Ich weiß nur, dass es wahr ist."

"Mir geht es auch so", stimmte der Freund zu. "Ich weiß, dass Er für mich gestorben ist, weil Er mich liebte. Ich fühle, dass dies in mein Herz eingeschrieben ist; das es eine ewige Wahrheit ist."

Der Mann aus der Menge nickte und sagte: "Ja, ich fühle, dass Er für uns alle gestorben ist. Welch große Liebe das ist! Das ist wirklich die allergrößte Liebe!"

Aus "Geschichten von der Liebe" von Alan Ames

 

 

 

Die bestickte Tischdecke

 Ein paar Wochen vor Weihnachten traten ein Pastor und seine Frau ihren ersten Dienst an. Sie sollten eine Kirche am Rand von Brooklyn wider eröffnen und waren begeistert über die Möglichkeiten, die sich ihnen boten. Als sie ihre Kirche in Augenschein nahmen, bemerkten sie, dass sie ziemlich heruntergekommen war. Die Renovierung würde viel Arbeit verlangen, doch die beiden nahmen sich vor, bis zum ersten Gottesdienst an Heiligabend damit fertig zu werden.

 

Sie arbeiteten hart – reparierten die Sitzbänke, verputzten und strichen die Wände – und waren schließlich schon am 18. Dezember fertig. Ein Tag später setzte ein heftiger Sturm ein, der zwei Tage lang anhielt und von starken Regengüssen begleitet war.

Am 21. Dezember fuhr der Pastor wieder zur Kirche. Mit Schrecken stellte er fest, dass das Dach undicht geworden war und sich an der Wand direkt hinter der Kanzel der Putz gelöst hatte. Eine große Lücke entblößte genau in Augenhöhe das Mauerwerk. Der Pastor wischte den zerbröckelten Putz weg und fuhr nach Hause. Ihm würde wohl nichts anderes übrig bleiben, als den ersten Gottesdienst zu verschieben.

Auf dem Heimweg bemerkte er, dass eine örtliche Firma eine Art Flohmarkt für Wohltätigkeitszwecke veranstaltete, und hielt an. Nach einiger Zeit fand er eine besonders schöne handgefertigte, elfenbeinfarbene Tischdecke – sorgfältig gearbeitet und in der Mitte mit einem Kreuz bestickt. Sie hatte genau die richtige Größe, um die hässliche Stelle in der Wand zu überdecken. Nachdem er sie gekauft hatte, kehrte er zur Kirche zurück.

Inzwischen hatte es angefangen zu schneien. Eine ältere Dame auf der anderen Straßenseite versuchte, gerade noch den Bus zu erreichen. Vergeblich. Der Pastor lud sie ein, in der warmen Kirche auf den nächsten Bus zu warten, der erst in 45 Minuten kommen sollte. Sie setzt sich in eine der Bänke und achtete nicht auf den Pastor, der inzwischen eine Leiter und Werkzeug holte.

Nachdem er die Tischdecke an der Wand befestigt hatte, staunte er, wie herrlich sie aussah und wie gut sie die hässliche Stelle überdeckte. Dann bemerkte er plötzlich, dass die Frau durch den Gang nach vorn kam. Ihr Gesicht war kreidebleich. "Pastor", fragte sie, "woher haben Sie denn diese Tischdecke?"

Als der Pastor es ihr erklärt hatte, bat ihn die Frau, in der unteren rechten Ecke nachzusehen, ob dort die Initialen EBG eingestickt waren. Tatsächlich, es waren ihre Initialen" Vor 35 Jahren hatte sie die Tischdecke in Österreich gestickt. "Ich kann es kaum fassen, dass Sie nach so vielen Jahren gerade hier an meine Tischdecke gekommen sind", rief sie aus. Dann erzählte sie ihm, dass sie und ihr Mann vor dem Krieg in Österreich gelebt hatten. Als die Nazis kamen, musste sie das Land verlassen. Ihr Mann sollte eine Woche später folgen. Doch sie wurde gefasst, ins Gefängnis gesteckt und sah ihren Mann und ihr Haus nie wieder.

Der Pastor wollte ihr das Tischtuch zurückgeben, aber sie bat ihn, es für die Kirche zu behalten. Dann beharrte er darauf, sie nach Hause zu fahren. "Das ist das Mindeste, was ich für Sie tun kann", versicherte er. Also brachte er sie in ihre Wohnung in einem anderen Stadtteil. Nur an diesem Tag war sie in der Gegend der Gemeinde gewesen, um zu putzen.

An Heiligabend erlebte die Gemeinde einen herrlichen Gottesdienst. Die Kirche war fast voll, die Musik und die Atmosphäre waren großartig. Am Ende des Gottesdienstes wünschten der Pastor und seine Frau am Ausgang allen ein gesegnetes Fest, und viele sagten, dass sie wiederkommen würden.

Als die anderen Besucher gegangen waren, blieb ein älterer Mann aus der Nachbarschaft mit starrem Blick in der Kirchenbank sitzen. Der Pastor wunderte sich, warum er nicht aufbrach. Schließlich frage der Mann: "Wo haben Sie denn diese Tischdecke her, die dort an der Wand hängt?" Und er fuhr fort: "Sie sieht genauso aus wie eine Tischdecke, die meine Frau vor vielen Jahren gemacht hat, als wir noch in Österreich lebten. Wie kann es nur zwei so ähnliche Tischdecken geben!" Dann erzählte er, wie die Nazis gekommen waren und er seine Frau gedrängt hatte, sich in Sicherheit zu begeben. Eigentlich hatte er ihr kurz darauf folgen wollen, aber dann war er verhaftet und ins Gefängnis gesteckt worden. In den vergangenen 35 Jahren hatte er seine Frau und sein Haus nicht wiedergesehen.

Der Pastor bat den Mann, eine kleine Fahrt mit ihm zu machen. Sie fuhren in einen anderen Stadtteil – zu demselben Haus, zu dem der Pastor drei Tage zuvor gefahren war. Er half dem Mann die Treppe hinauf in den dritten Stock bis zum Apartment der Frau, klopfte an die Tür – und erlebte das herrlichste Weihnachtswiedersehen, das er sich je vorstellen konnte.

 

Eine wahre Geschichte – erzählt von R. Reid. Wer kann da noch sagen, Gott würde nicht auf geheimnisvolle Art und Weise wirken! (Aus Lydia 1/2003)

 

 

 

Das Wunder von Manhattan


John Giotti steht zum ersten Mal vor dem Gebirge aus Schutt und Beton, das einmal das World Trade Center war. Es ist auch der Trümmerhaufen seines Lebens. Irgendwo da unten war sein Restaurant. Giotti stochert in Planquadrat 47. Er ist auf der Suche. Wonach? Er weiß es selbst nicht genau. Vielleicht findet er irgendetwas aus seinem Lokal, das nicht zerstört wurde - ein Bild, seinen Football-Pokal. Irgendetwas, das er mit nach Hause nehmen kann, um zu begreifen, dass dies alles wirklich passiert ist. Dann ist da plötzlich ein Geräusch. Ein Weinen, so leise, dass Giotti erst glaubt, es wäre nur ein seinem Kopf - eine Einbildung. Doch das kaum hörbare Wimmern ist hartnäckig. Da begreift John: Irgendwo da unten ist noch Leben. Aufgeregt läuft er zu einem Polizisten mit Funkgerät.

Jim Sheridan hat in diesen Tagen schon so oft die Hoffnung sterben sehen, dass er dem Restaurantbesitzer nur ungläubig folgt. Überlebende am 26. September? 15 Tage nach der Katastrophe? Wer soll 360 Stunden ohne Wasser, ohne Nahrung, ohne Schutz unter tonnenschweren Trümmern überlebt haben? Unmöglich. Doch dann hört er auch das leise klagende Geräusch. "Ich glaube, da unten ist etwas, das noch lebt", sagt er in sein Funkgerät. Minuten später sind die Einsatzkräfte da. Fieberhaft, aber vorsichtig werden die Trümmerteile beiseite geräumt. Irgendwo da unten muss sich eine Höhle gebildet haben, ein zufälliger Schutzraum des Überlebens: Die Männer müssen aufpassen, dass sie ihn nicht zum Einsturz bringen. Nach drei Stunden ist es geschafft. Behutsam öffnet Officer Sheridan einen verstaubten, zerbeulten Karton. Eine bis auf die Knochen abgemagerte Katze springt ihm in die Arme. Doch das eigentliche Wunder entdeckt Jim erst jetzt. Dieser Servietten-Karton ist Zufluchtsort für noch mehr Leben: Drei kleine Katzenkinder blinzeln Jim an, sehen zum ersten Mal das Tageslicht und dass es eine Welt jenseits ihres Pappkartons gibt. Da wird allen klar, dass die Katzendame in der Katastrophe sogar ihre Babys zur Welt gebracht hatte. Wie sie es schaffte, dass sie überlebten, ohne Wasser, ohne Futter, ohne Licht - das wird wohl für immer ein Rätsel bleiben. Diese Katzen sind die letzten Überlebenden von Ground Zero. Und mehr: Sie sind Beweis dafür, dass man niemals aufgeben sollte. Neue Kraft durchströmt die erschöpften Retter. Als es darum geht, die Findelkinder zu taufen, kommen die Namen direkt aus ihren Herzen: Glow (Glut), Freedom (Freiheit), Flag (Flagge). Und als sie überlegen, wie die Mutter heißen soll, sagt einer: "Für sie kann es nur einen Namen geben: Hope." Denn die Hoffnung darf niemals sterben.

Verfasser ist mir nicht bekannt



 

Die falsche Telefonverbindung

Frau Antonia Meier würde morgen ihren 80. Geburtstag feiern? Mit wem denn? Mit den anderen Insassen des Altersheims? Die hatten alle ihre eigenen Probleme, da konnte keine Feierstimmung aufkommen. Ob wohl ihr Sohn kommen würde? Vielleicht dachte er nicht einmal an ihren Geburtstag. Nun ja, in dieser so viel beschäftigten Zeit musste auch er Geld verdienen, für sich, seine Frau, die Kinder..., und schließlich schickte er ja auch pünktlich an jedem Ersten das nötige Geld. Da durfte sie sich nicht beklagen, dass die Zeit fehlte für seine alte Mutter. Ob sie ihn anrufen sollte? Ihr Blick glitte zum Telefonapparat. Zögernd griff sie nach dem Hörer. Langsam wählte sie, die Nummer kannte sie auswendig.

"Kinderheim Rübezahl", meldete sich eine Männerstimme. "Oh entschuldigen Sie". Da musste sie sich verwählt haben. "Wissen Sie, ich wollte eigentlich meinen Sohn sprechen". "Wie heißt er denn?" fragte die Stimme freundlich. "Nein, nein, Sie haben das missverstanden. Mein Sohn ist nicht im Kinderheim. Ich wollte nur ... wissen Sie, ich bin hier im Altersheim, morgen bin ich achtzig, wenn man das allein feiert...

"Sie sind wohl sehr einsam?" fragte die freundliche Männerstimme. Der Stimme nach zu schließen, musste es sich um einen jungen Mann handeln. "Ja, wenn man so alt ist wie ich..."
"Aber, aber, achtzig ist doch kein Alter! Ihrer Stimme nach zu schließen, sind Sie noch rüstig, Frau..."
Frau Meier freute sich, jemanden gefunden zu haben, mit dem sie sprechen konnte. Ihr Gesprächspartner, der sich als Herr Bauer vorgestellt hatte, hörte geduldig zu. Sie fand es ausgesprochen nett, mit einem Menschen plaudern zu können, der so auf ihre Gedanken einging. Aber schließlich durfte sie den fremden Mann doch nicht von seiner Arbeit abhalten. Er hatte gewiss viel zu tun in einem Kinderheim Aber als sie den Hörer auflegte, hatte sie völlig vergessen, dass sie eigentlich ihren Sohn hatte anrufen wollen.

Am nächsten Vormittag klingelte es an ihrer Wohnungstüre. Frau Meiers Augen begannen zu leuchten: ihr Heinz hatte sie also doch nicht vergessen!
Erstaunt sah sie auf den jungen Mann mit den fünf Kindern, der vor ihrer Türe stand. "Alles Gute zum Geburtstag!" Der Mann hielt ihr einen Blumenstrauß hin. "Aber woher...? Ich kenne Sie doch gar nicht!"
Der junge Mann lachte: "Aber, Frau Meier, wir haben gestern doch so nett miteinander geplaudert. Ich bin dieser Herr Bauer, mit dem Sie verbunden waren, als Die Ihren Sohn anrufen wollten."
"Ja, aber..." Sie konnte sich von ihrer Überraschung nicht erholen. "Entschuldigen Sie bitte", sagte sie dann, "kommen Sie doch herein!" Und dann fiel ihr das Schreckliche ein: "Ich habe gar nichts daheim..."
"Haben wir alles mitgebracht", beruhigte sie Herr Bauer. Und die Kinder stellten eine wunderschöne Geburtstagstorte auf den Tisch, mit einem großen Achtziger darauf. Auch Kaffee, Kakao, Kekse und sogar eine Flasche Wein war dabei.
Frau Meier blühte auf. Die fröhlichen Kinder aus dem Heim und ihr Erzieher plauderten so vertraut mit ihr, als wären es ihre eigenen Enkelkinder. Und Frau Meier, die nun einen Menschen gefunden hatte, mit dem sie plaudern konnte, wusste so viele Geschichten zu erzählen... Wenn auch nicht alles aus ihrem Erleben stammte, so lauschten ihr die Kinder andächtig. Und als sie sich verabschiedeten, musste ihnen Frau Meier versprechen sie recht bald im Heim zu besuchen.

Und Frau Meier hielt Wort. Aus dem einen Besuch bei den Kindern wurde bald ein zweiter, ein dritter, und die Kinder freuten sich schon, wenn sie kam. Sie erzählte ihnen Geschichten, und wenn ihr keine neuen mehr einfallen wollten, dann las sie aus einem Buch vor oder lehrte sie einige der alten Volkslieder, die sie kannte. Die "Omi", wie sie bald bei den Kindern genannt wurde, war zu einer ständigen Einrichtung des Heims geworden; die Kinder erwarteten ihren Besuch jedes Mal mit Sehnsucht. Die Freude der Kinder ließ auch Frau Meier aufblühen.
"Ich fühle mich gar nicht mehr wie achtzig", sagte sie zu Herrn Bauer. "Es ist ein solch herrliches Gefühl, von Menschen gebraucht zu werden..." "Und das alles wegen einer falschen Telefonverbindung", lachte auch Herr Bauer.

 

Otto Rudolf Braun


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