Mein dunkles Ich

Diese Seite möchte ich einem Thema widmen, das mich schon mein ganzes Leben begleitet, über das ich bis jetzt aber verschämt geschwiegen habe: Mein Leben mit sozialen Ängsten (extremer Schüchternheit) und daraus resultierenden Depressionen und Einsamkeit.

 

Der äußere Ring

Schon als Kind war ich sehr schüchtern und ängstlich. Ich traute mich im Unterricht kaum, den Mund aufzumachen und war, wenn ich mit anderen zusammen war, sehr schweigsam und still. In der Pubertät spitzte sich dieses Problem zu. Ich merkte, dass ich "anders" war als die meisten Gleichaltrigen. Anstatt abends und am Wochenende auszugehen, wie die anderen das taten, saß ich lieber zu Hause in meinem Zimmer und las. Ich gehörte zu keiner Gruppe oder Clique sondern war meistens allein. Obwohl ich mich durchaus nach Gemeinschaft sehnte, fand ich keinen Anschluss und fühlte mich ausgeschlossen. Oft musste ich mir Bemerkungen anhören wie "du bist ja so still, sag doch auch mal was" oder "sei doch nicht so eine Stubenhockerin". Ich fühlte mich abgelehnt und unverstanden. Vor Menschen sprechen zu müssen, z. B. bei einem Referat in der Schule, war eine Qual für mich. Schon Tage vorher schwitzte ich Blut und Wasser. Auch traute ich mich nicht, mal auf der Straße jemanden anzusprechen um z. B. nach dem Weg zu fragen.

Die Suche nach einer Ausbildungsstelle nach der Schule gestaltete sich für mich als äußerst schwierig. Die Vorstellungsgespräche konnte ich nur mit Hilfe von Medikamenten überstehen. Ich kann kaum in Worte fassen, was für eine Qual und Angst das für mich war. Ich schämte mich für meine Angst und fühlte mich unendlich gedemütigt, konnte aber nichts dagegen tun. Ich musste es aushalten. Schließlich fand ich eine Ausbildungsstelle zur Industriekauffrau in dem Betrieb, in dem mein Vater arbeitete. Aber damit waren die Probleme keineswegs zu Ende, sondern es wurde im Gegenteil noch schlimmer. Natürlich stand mir auch hier meine extreme Angst und Schüchternheit im Weg und ich fühlte mich entsetztlich unwohl im Büro, war verkrampft und unsicher in meinem Auftreten. Ich wurde so unglücklich dass ich begann an Selbstmord zu denken. Auch empfand ich tiefe Verachtung, ja sogar Hass gegen mich selbst, weil ich mich für absolut unnormal hielt und glaubte, ich sei irgendwie falsch und es nicht wert, am Leben zu sein.

Nach drei Monaten an dieser Ausbildungsstelle ging gar nichts mehr, ich bekam einen Zusammenbruch und einen Weinkrampf. Unser Hausarzt, an den meine Eltern sich in ihrer Not mit mir wandten, schickte mich in die Psychiatrie. Ich war 18 Jahre alt und von meiner inneren Entwicklung her eigentlich noch jünger, aber ich wurde von den Ärzten und Therapeuten wie eine Erwachsene behandelt. Die Therapiegespräche waren ein Witz. Der Arzt setzte sich hin und wartete darauf, dass ich anfangen würde zu erzählen. In meinem Zustand war ich dazu aber gar nicht der Lage. Ich saß da, schwieg und litt. Der Arzt sagte auch nichts, stellte keine Fragen. Die Stunde verging im Schweigen. Das Ganze nannte sich Psychotherapie und ging so über die ganzen vier Monate, die ich in dieser Psychiatrie war. Zumindest habe ich es so in Erinnerung. Außerdem hatte ich noch Ergotherapie, Gestaltungstherapie und ich weiß nicht mehr was noch. Mehr als die Therapien haben mir die anderen Patienten geholfen. Diesen konnte ich mich eher öffnen als den Therapeuten. Sie waren selbst hier, weil sie Probleme hatten und auch nicht "normal" waren. Von ihnen fühlte ich mich akzeptiert und angenommen. Das Beste war jedoch, dass ich in dieser Klinik an einer Berufsfindung teilnehmen konnte. Dabei entdeckte ich, dass mir der Bereich Elektronik besonders lag und Spaß machte. Auf diese Weise wurde mir schließlich eine Ausbildung im SRH Berufsbildungswerk Neckargemünd ermöglicht. Ich machte hier von 1984 bis 1987 eine Ausbildung zur Informationselektronikerin als einziges Mädchen unter lauter Jungs. Während dieser Zeit ging es mir relativ gut. Ich war sozial integriert, lebte im Internat des Berufsbildungswerkes und hatte wieder Mut zum Leben. Natürlich war es auch hier nicht immer einfach und es gab mal Probleme, aber die waren nichts im Vergleich zu dem, was ich schon durchgemacht hatte. Ich dachte, dass nun alles gut werden würde und ich nach der Ausbildung mit Gottes Hilfe einen guten Arbeitsplatz finden würde. 

Hier muss ich einschieben, dass der Glaube an den christlichen Gott von Jugend an eine große Rolle in meinem Leben spielte. Ich wurde im katholischen Glauben erzogen und habe diesen als Jugendliche auch bewusst für mich als wichtig und wegweisend angenommen. Jesus Christus war mein Erlöser und Heiland. Aber zunächst war mein Glaube noch sehr kindlich und obwohl ich mich bewusst für Gott entschieden hatte, hatte ich auch immer wieder große Zweifel und Probleme mit diesem Gott, der so oft ganz und gar nicht so war, wie ich mir ihn wünschte und vorstellte, wie er sein sollte und was er tun sollte. Immer wieder erwies er sich als der ganz Andere, nicht Fassbare. Auf diesem Weg bin ich noch immer und mein Glaube entwickelt sich ständig weiter. Ich hatte während meiner Ausbildungszeit im Berufsbildungswerk BBW einen ökumenischen Bibelkreis besucht, den eine Erzieherin meiner Wohngruppe leitete. Hier fühlte ich mich sehr wohl und vertiefte meine Beziehung zu Jeus Christus und zum Himmlischen Vater. So ging ich nun voller Vertrauen in die Hilfe Gottes in den nächsten Lebensabschnitt. Ich hatte durch die Vermittlung meines Berufsberaters am BBW eine Arbeitsstelle in der Nähe meines Heimatortes gefunden. Meine Eltern wohnten noch dort und ich zog erst mal wieder bei ihnen ein. Ich gedachte mir dann später eine eigene Wohnung zu suchen. Natürlich hatte ich wieder Angst, als der erste Arbeitstag nahte, aber ich war zuversichtlich, dass ich mich schnell eingewöhnen und dann wohlfühlen und aufblühen würde. Das hatte Gott mir doch versprochen war ich überzeugt.

Nun, es kam anders. Beim Vorstellungsgepräch war vereinbart worden, dass ich in der Werkstatt mitarbeiten sollte und außerdem für die Bestellung der Ersatzteile und was in der Werkstatt so gebraucht wurde, zuständig sein sollte, das aber nur nebenher. Als ich dort anfing, war von Werkstatt keine Rede mehr. Ich wurde ins Büro gesetzt und sollte Schreibtischarbeit erledigen. Dazu gehörte auch viel Telefonieren, was mir wegen meines bekannten Problems sehr schwer fiel und Botengänge machen, was ebenfalls nicht leicht für mich war. Mit meinem Chef, der mir im Büro am Schreibtisch gegenüber saß, kam ich überhaupt nicht zurecht. Er war sehr hart und streng und ich hatte Angst vor ihm. Er merkte natürlich, wie ängstlich und unsicher ich war, hatte aber keinerlei Verständnis und Geduld mit mir sondern schien sich eher über mich zu ärgern. Kurz und nicht gut, ich kam wieder in eine Krise und diesmal war es noch schlimmer. Ich konnte einfach nicht glauben, dass Gott, dem ich doch so vertraut hatte, mir das antat. Ich hatte so gehofft, dass sich mein Leben zum Guten ändern würde und ich nach der Ausbildung  meinen Platz in der Welt finden würde. Aber wieder war ich totunglücklich und dachte erneut an Selbstmord. Ich fühlte mich von Gott verlassen. Ich erinnere mich, dass ich an einem Sonntag einmal auf meinem Bett saß und weinte, weinte, weinte und zu Gott schrie: "Warum hast du mich verlassen?" wie Jesus am Kreuz. Ich glaube, verlassener kann sich ein Mensch wirklich nicht fühlen wie ich mich an jenem Tag gefühlt habe. Obwohl ich nicht aufhörte, an Gott zu glauben und mein Leben nach seinen Geboten auszurichten, prägte dieses Erlebnis mich tief und hinderte mich viele Jahre daran, Gott vollkommen für mein Leben zu vertrauen. Es blieb immer ein Rest Misstrauen in mir zurück. Ich habe es bis heute noch nicht ganz überwunden, bei aller Liebe zu Jesus Christus und bei allem Wachsen im Glauben. Dieser Stachel sitzt immer noch in meinem Fleisch. Ich kämpfe jeden Tag neu um Vertrauen, Vertrauen in Gott, Vertrauen in meine Mitmenschen, von denen ich so oft enttäuscht worden bin, Vertrauen in mich selbst, die ich mich so schwach und elend fühle...

Als ich es schließlich nicht mehr aushielt, ging ich zum Arzt und ließ mich krank schreiben. Das Arbeitsverhältnis wurde mit beiderseitigem Einverständnis aufgelöst. Nun war ich also arbeitslos. Ich fühlte mich wert- und nutzlos und wusste nicht, wie es weitegehen sollte. Meine Eltern unterstützten mich und hielten zu mir. Meine Mutter wandte sich an meinen Berufsberater aus dem BBW. Auf dessen Vermittlung bekam ich schließlich das Angebot, in der Dialyseabteilung des SRH Fachkrankenhauses Neckargemünd, welches sich im selben Gebäudekomplex wie das BBW befand, als Dialysetechnikerin zu arbeiten. Ich nahm die Arbeitsstelle an und bezog im Personalwohnheim der SRH eine Wohnung.

Ich hoffte, dass es nun endlich aufwärts gehen würde. Dabei war es auch an diesem Arbeitsplatz alles andere als leicht für mich. Eigentlich ist es sogar ein Wunder, dass ich es dort geschafft habe. Ich schreibe es einzig und allein der Hilfe Gottes zu, dass ich nicht auch hier bald wieder aufgab, denn ich hatte weiterhin mit vielen Ängsten zu kämpfen. Jeder Tag kostete mich viel Kraft und Überwindung. Ich arbeitete im Schichtdienst, hatte oft abends nach Feierabend und am Wochenende Bereitschaft. Ich war zusammen mit zwei männlichen Kollegen für die Reparatur und Wartung der Dialysegeräte und später auch anderer medizinischer Geräte zuständig. Mit den meisten Krankenschwestern und -pflegern kam ich recht gut aus, aber es gab auch einige, mit denen ich immer wieder Ärger und Schwierigkeiten hatte. Das machte mich oft fertig, genauso wie der Bereitschaftsdienst, der mich ständig unter Spannung hielt. 

Da ich aber nun endlich einen Arbeitsplatz hatte, den ich mit Gottes Hilfe bewältigen konnte, wollte ich mich nun gerne auch privat weiterentwickeln. Ich wollte lernen, meine Schüchternheit zu überwinden, ich wollte Kontakte zu anderen Menschen knüpfen, Freunde und vielleicht sogar einen Ehemann finden. Denn mein größter Traum war es, einmal zu heiraten und eine Familie zu gründen. Ich hatte nicht vor, bis zur Rente zu arbeiten. Ich wollte für meinen geliebten Mann und meine Kinder da sein. Darin sah ich meine Berufung und Erfüllung. Die Berufstätigkeit war für mich nur ein notwendiges Übel, um mir meinen Lebensunterhalt zu verdienen, und ich betrachtete sie nur als Übergangszeit, bis ich den heiligen Bund der Ehe eingehen würde. Ich hatte nicht den geringsten Zweifel, dass dies mein Weg sein würde. Schon als kleines Mädchen war ich eine richtige Puppenmutti und konnte mir nie etwas anderes vorstellen, als selbst einmal Mutter zu werden. Schon lange betete ich um den richtigen Mann und rechnete sicher damit, ihn nun bald zu finden. Ach, was war ich doch naiv und dumm!

Ich fing an, aktiver zu werden. Ich las sehr viele Bücher über Psychologie, Lebenshilfe und Ratgeber zu Themen wie "Wie finde ich Freunde?", "Wie überwinde ich meine Schüchternheit?", Bücher zur Selbstfindung und Persönlichkeitsentwicklung und und und... Ich machte einen dreijährigen Fernlehrgang über Kreatives Schreiben, weil ich lernen wollte, meine Gedanken besser auszudrücken und mich mitzuteilen. Ich machte Kurse an der Volkshochschule, ging auf Konzerte und Diavorträge, ich verbesserte meine Engischkenntnisse, wurde Mitglied in einem internationalen Brieffreundschaftsclub und begann, Briefe an viele Freunde in der ganzen Welt zu schreiben. Ich wurde Mitglied in einem Star Trek Fanclub, da ich diese Serie sehr liebte und ging 1995 auf meine erste Star Trek Convention, was ein unglaublich tolles Erlebnis für mich war. Über die Musik, vor allem die irische Band Clannad, entdeckte ich meine Liebe zu Irland. Ich ging immer mehr an meine Grenzen und nahm sogar an einer Wallfahrt mit einer Gruppe mir zunächst fremder Menschen nach Irland teil. Es war unglaublich, dass ich das schaffte, denn ich hatte durchaus sehr mit meiner Schüchternheit und Angst zu kämpfen. Aber ich war begeistert, glücklich und stolz. Es ging aufwärts. Ich traute mich was. Um meinem Ziel, einen Ehemann zu finden, näher zu kommen, gab ich Kontaktanzeigen auf und versuchte es auch mit einer christlichen Partnervermittlung. Ich traf mich mit mehrern Männern. Die Angst vor dem ersten Kontakt war jedesmal riesengroß, aber ich überwand sie. Ich wollte es schaffen!

Während all dieser und noch anderer äußerer Aktivitäten hatte ich weiterhin mit meinen inneren Dämonen zu kämpfen. Ich litt immer wieder unter unerklärlichen Angstzuständen. Ich suchte mir eine christliche Psychologin, zu der ich regelmäßig ging, was mir sehr half, denn bei ihr konnte ich offen über vieles reden. Aber auch ihr konnte ich nicht alles anvertrauen, was mir zu schaffen machte. Ich suchte Gott und beschäftigte mich auch viel mit religiösen Themen. Ich las Bücher über Heilige, kleine religiöse Schriften und Traktate, betete viel und besuchte häufig, auch werktags, die heilige Messe. Das war auf der einen Seite schön und hilfreich, auf der anderen Seite aber auch Quelle neuer Ängste. Ich hatte immer mehr das Gefühl, Gott nicht genügen zu können, nicht gut genug zu sein. Ich kam in Kontakt mit den "Traditionalisten" in der katholischen Kirche, von denen ich bis dahin nichts gewusst hatte. Diese stürtzten mich in große Verwirrung und ich wusste nicht mehr, was ich glauben sollte. Auch mit evangelischen und freikirchlichen Christen bzw. deren Publikationen kam ich in Berührung, die wieder andere Dinge lehrten und behaupteten. Ich machte mir viele Gedanken und suchte nach der Wahrheit. Ich litt (und leide bis heute) unter der Spaltung und Uneinigkeit der Christenheit.

Die Arbeit auf der Dialyse forderte mich in all der Zeit sehr. Wenn ich am Wochenende oder abends und sogar nachts Bereitschaft hatte, war ich sehr angespannt und erwartete ständig, angerufen zu werden, ja, ich konnte mich überhaupt nicht mehr entspannen. Immer lauschte ich mit einem Ohr auf das Telefon. Meine Muskeln waren so hart, dass sie schmerzten und ich hatte oft Spannungskopfschmerzen. Ich war immer in Habacht Stellung. Am Wochenende begann ich Alkohol zu trinken, weil ich es anders nicht mehr aushalten konnte. Hätte ich die Veranlagung dazu gehabt, wäre ich vielleicht sogar Alkoholabhängig geworden, aber dazu ist es zum Glück nicht gekommen. Dafür bin ich Gott sehr dankbar. Auf die Dauer wurde jedoch einfach alles zu viel für mich. Das Wort war zwar damals noch nicht in Mode, aber ich bekam offensichtlich ein Burn-Out. Eines Tages konnte ich einfach nicht mehr und ging zum Arzt. Der überwies mich zum Psychiater, ich wurde krank geschrieben und bekam Medikamente. Ich brauchte vier Monate, um mich wieder halbwegs zu erholen und wieder arbeiten zu können. Doch auch danach litt ich immer wieder unter starken Unruhezuständen und extremer körperlicher Anspannung, was eine echte Qual war. Über die Jahre sind diese Zustände seltener geworden, aber ich habe sie manchmal noch heute. Dann helfen mir zum Glück meine Beruhigungstropfen, die ich vom Arzt immer noch verschrieben bekomme.

In dieser Zeit, es war das Jahr 1996, suchte ich mir auch eine neue Wohnung, weil es mir im Personalwohnheim oft zu laut war. Ich fand bald eine Wohnung und bewältigte mit Hilfe meiner Familie den Umzug, aber die Umstellung fiel mir nicht leicht. Inzwischen wohne ich seit fast 17 Jahren in dieser Wohnung bei sehr netten privaten Vermietern. Am Arbeitsplatz reduzierte ich meine Arbeitszeit auf 30 Stunden in der Woche. 2001 wechselte ich von der Dialystechnik in eine Firma nach Bammental, die mein damaliger Chef gegründet hatte. Die Dialystechnik wurde nun von dieser Firma betreut, ich arbeitete aber nun hauptsächlich im Büro und war endlich von dem anstrengenden Schichtdienst befreit. Leider musste mein Chef nach sechs Jahren Insolvenz anmelden, aber ich hatte das Glück, wieder in das SRH Fachkrankenhaus zurück wechseln zu können. Dort wurde ich nun in der Warenannahme und im Kliniklager eingesetzt. Im Jahr 2011 musste aber auch das Fachkrankenhaus Insolvenz anmelden. Damit begann für mich wieder eine sehr schwere Zeit, in der ich große Angst hatte, meinen Arbeitsplatz nun endgültig zu verlieren. Die Vorstellung, mir einen neuen Arbeitsplatz suchen zu müssen, ängstigte mich sehr und mein Vertrauen in Gott wurde wieder einmal auf eine harte Probe gestellt. Nach langen, quälenden Monaten wurde mir von der SRH Schulen GmbH die Übernahme angeboten und ich konnte sogar in der Warenannahme bleiben. Wie war ich darüber froh und erleichtert. Zuerst hatte ich im SRH Berufsbildungswerk meine Ausbildung machen können, dann bekam ich eine Stelle in SRH Fachkrankenhaus und nun arbeite ich in der SRH Schulen Gmbh. SRH ist die Abkürzung für "Stiftung Rehabilitaion Heidelberg", die aus mehreren Kliniken, Berufsbildungswerken und Schulen sowie Hochschulen besteht. Ich bin für die SRH als Arbeitgeber sehr dankbar, das Fachkrankenhaus musste allerdings leider seine Pforten schließen. Am Standort Neckargemünd, wo ich arbeite, gibt es jetzt also nur noch das Berufsbildungswerk und die Schulen. Mehr über die SRH findest du hier: www.srh.de

Was war aber nun aus meinem Wunsch geworden, zu heiraten und eine Familie zu gründen? Habe ich es geschafft, meine Ängste und meine Schüchternheit zu überwinden und Freunde zu finden? Leider muss ich diese Fragen mit Nein beantworten. Ich bin inzwischen (2013) 48 Jahre alt und an einem Punkt angekommen, an dem ich auf mein bisheriges Leben zurück blicke und feststellen muss, dass ich es nicht geschafft habe, mir ein Leben aufzubauen, das mich erfüllt und mit dem ich zufrieden und einigermaßen glücklich bin. Ich frage mich, wie es nun noch weiter gehen soll, wie ich die zweite Hälfte meines Lebens verbringen soll, was ich vom Leben noch erwarte. Erwarte ich überhaupt noch etwas? Wie sieht es mit meiner Beziehung zu Gott aus? Ich empfinde im Moment eine große Enttäuschung und tiefe Traurigkeit. Das "Leben in Fülle", das mir der Herr Jesus im Evangelium versprochen hat, ist noch nicht bei mir angekommen. Ich möchte nun noch erzählen, wie es mir in all diesen Jahren innerlich ergangen ist, in meinen Beziehungen zu anderen Menschen, in meinem Glaubensleben, in meiner persönlichen Reifung und Entwicklung. Ich danke dir, wenn du bis hierher gelesen hast und freue mich, wenn du dir nun auch noch die Zeit nimmst, das Folgende zu lesen, denn hier offenbare ich dir mein Innerstes. 

 

Der innere Ring

Die innere Welt meiner Gedanken, Gefühle, Träume und Sehnsüchte passte nicht mit der äußeren Welt zusammen, in der ich lebte. In der äußeren Welt fand ich Konkurrenzkampf, Egoismus, Gewalt, Graumsamkeit, Härte, Lüge, Unwahrhaftigkeit, Herzenskälte, Gleichgültigkeit, Einsamkeit, Sinnlosigkeit, Spott und Hohn... Überall lauerte das Böse. So empfand ich es. Im Innersten meines Herzens sehnte ich mich nach Liebe, Zärtlichkeit, Harmonie, Glück, Freude, Angenommensein, Schönheit, Reinheit, Wärme, Güte, Wohlwollen...

In der Kirche war von dieser Liebe die Rede und davon, dass Gott selbst diese Liebe sei. Aber die Menschen lebten diese Liebe nicht. Sie enttäuschten mich. Lachten mich aus, weil ich nach dieser Liebe suchte. Sagten, ich würde meine Illusionen schon noch verlieren. In der Welt, in der ich lebte, zählten nur Erfolg und Leistung. Ich aber wollte einfach um meiner selbst willen geliebt sein. Ich träumte mich in andere Welten, träumte vom Paradies und fühlte entsetzliches Heimweh. Nein, ich fühlte mich auf dieser Erde nicht zu Hause. Ich fühlte, dass meine Heimat woanders war. Ich sehnte mich nach dem Himmel und wollte sterben und diese Erde verlassen. Konnte ich diese Liebe auf der Erde nicht finden, wollte ich hier nicht leben. War ich einfach nur krank, hatte Depressionen? Oder steckte doch mehr dahinter? Wollte Gott mich (noch) nicht bei sich im Himmel haben? Ich fühlte mich von ihm zurückgewiesen, auf die Erde verbannt, verstoßen. Ich konnte nicht begreifen, wie die anderen Menschen so an ihrem irdischen Dasein hängen konnten. Sie schienen sich nicht nach dem Himmel zu sehnen, die meisten glaubten noch nicht einmal, dass es ihn überhaupt gab, selbst manche Christen nicht. Hätte ich auf dieser Erde einen Menschen gefunden, der mich bedingungslos liebte, hätte ich es leichter ausgehalten, dieses Leben. Aber ich wollte zuviel. Die Menschen waren mit mir und meiner "Gier", wie es jemand nannte, überfordert. Man bescheinigte mir, viel zu hohe Ansprüche zu haben. Ich konnte aber einfach nicht weniger wollen! Dabei ging es mir nicht nur darum, Liebe zu fordern, nein, ich wollte sie ja auch geben, wollte bis an meine Grenzen lieben und mich hingeben. Ich bot immer wieder Menschen, die ich liebte, meine Freundschaft und meine Hilfe an. Sie wurden nur zögerlich oder gar nicht angenommen. Viele zogen sich von mir zurück, meldeten sich nicht mehr, wurden unerreichbar. Selbst oberflächliche Bekanntschaften hielten nie lange.

Da sehnte ich mich nun also auf der einen Seite unendlich nach Liebe und menschlicher Nähe, wollte erkannt, entdeckt, geliebt und begehrt werden. Und dann waren da auf der anderen Seite wieder meine sozialen Ängste, die genau das verhinderten. Interessierte sich ein Mensch doch einmal für mich und wollte mir näher kommen, bekam ich auf einmal panische Angst. Ich begriff nicht, was da in mir vorging. Ein Abgrund des Entsetzens tat sich auf. Ich hatte plötzlich das Gefühl, der andere wolle mich aufsaugen, sich einverleiben, mich vernichten, mich nach seinem Willen formen. Ich konnte mich nicht behaupten, hatte Angst, mein Ich zu verlieren. Hatte Angst, den andern zu verlieren, wenn ich ich blieb. Wollte mich ihm unterwerden, anpasssen, wollte meine Freiheit behalten, mich nicht binden. Wollte bleiben und gehen. Fühlte mich zerrissen, hin und her gerissen. Erst jetzt, im Rückblick, erkenne ich, dass es so war. Erst jetzt kann ich das in Worte fassen, wenn auch noch immer nicht begreifen. Damals fühlte ich einfach nur die Angst. Jetzt fühle ich Traurigkeit, weil ich es auf diese Weise wohl nie schaffen werde, eine gesunde Beziehung oder Freundschaft einzugehen. Ich werde wohl allein meinen Weg weiter gehen müssen. Ich hatte eine Freundin, die ich wirklich sehr liebte. Es war gewaltig, groß, welterschütternd. Ich kann nicht beschreiben, was da mit uns vorgegangen ist, aber am Ende zerbrach alles und fiel in sich zusammen. Wir waren zwei Welten, die sich erst anzogen und dann abstießen. Zwei Universen, die miteinander kollidierten und dann explodierten. Die Trümmer fliegen noch herum.

Hier stehe ich nun. Vielleicht muss ich mit Heinrich Kleist sagen: "Die Wahrheit ist, dass mir auf Erden nicht zu helfen war." Oder gibt es doch noch Hoffnung für mich? Ich glaube immer noch, dass Gott die Liebe ist. Dass er alles ist, wonach ich mich sehne. Aber noch lebe ich im Glauben, nicht im Schauen. Dennoch, der Himmel wartet auf mich. Es ist dort eine Wohnung für mich bereitet. Trotzdem wünsche ich mir, schon hier auf der Erde wengistens einen kleinen Vorgeschmack dieser Liebe und Heimat zu erfahren. Ich werde weiter suchen. Und warten. Und hoffen. Und jeden Morgen wieder aufstehen und weiter gehen. Und versuchen, soweit es mir möglich ist, Gottes Liebe in diese Welt zu tragen. "Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten." So steht es in der Bibel. Amen.

Gebet von Edith Stein, einer Schwester im Geiste für mich:
Segne die Frohen, Herr, bewahre sie. Von mir nahmst Du noch nie die Traurigkeit. Sie lastet manchmal schwer auf mir. Docht gibtst Du Kraft, so trag ich sie.

 

Gedichte, die ich während meiner depressiven Phasen geschrieben habe:

Herbergssuche                        

Kalt und dunkel ist die Welt,
ich bin draußen,
frierend und allein.
Ich klopfe an die Tür,
doch verschlossen sind sie alle -
Türen und Herzen.

Hilf dir selber, dann hilft dir Gott
sagen die einen.
Hilf dir selber, dann brauchst du keinen Gott
rufen die andern.
Was ihr dem Geringsten getan habt....
sagt Jesus.

Heute bin ich die Geringste,
zu schwach, um mir selber zu helfen.
So lange schon irre ich durch die Welt
und suche nach einem Herzen,
das liebt und versteht.
Ich sehne mich nach Sicherheit und Geborgenheit,
ich möchte dazu gehören,
angenommen und gewollt sein.

Doch schon immer
war ich die Außenseiterin,
gehänselt, gemobbt, unverstanden,
allein gelassen
mit meinen Ängsten und Problemen.

Äußerlich bin ich eine Frau
in den besten Jahren,
doch innerlich bin ich noch immer
ein kleines, hilfloses Kind,
das nach Mutter und Vater schreit
und sich einen großen Bruder wünscht,
der es beschützt und verteidigt.

Meine Seele ist schon oft
erkaltet und gestorben.
Wo ist noch Leben in mir?
Ein stummer Schrei
entringt sich ihr.
Wer hört ihn?

Bäche und Seen
aus Tränen,
geweint und ungeweint.
Wer fängt euch auf?
Wer trocknet euch?

Traurig
So kam ich schon auf die Welt
Als Kind schon allein
Mitten in der Familie
In der Schule
Unverstanden
Auch von mir selbst
Wer bin ich?
Warum bin ich hier?
Gott
Liebt er mich?
Auch er
Verlassen
Am Kreuz
Für mich kein Trost
Dieser Gott
Der selbst so leidet
Der Himmel
Weit weg
Unerreichbar weit weg
Angst
Vor dem Leben
Vor dem Sterben
Dunkelheit
Einsamkeit
Das ist mein Leben
Gemeinschaft – Liebe – Freunde – Nähe
Gibt es nicht für mich
Menschen
Verlassen mich
Enttäuschen mich
Keiner bleibt bei mir
Keine hat Zeit
Such dir jemanden
Aber nicht mich
Ich bin schon vergeben
Alle wollen nur
Mein Geld
Aber nicht mich
Ich bin unwichtig
Meine Lebensträume
Ausgeträumt
Allein schaffe ich es nicht
Gott schweigt und wartet
Die Zeit ist noch nicht
Gekommen
Für das Glück

 

Trauer

Ich nehme die Welt
nur noch durch einen Schleier wahr.
Die Menschen sind von mir getrennt
durch eine unsichtbare Wand.

Ich weine still in mich hinein
und ersticke an meinen Tränen.
Ich bin gescheitert
mit meinen Träumen und Hoffnungen.

Eine einsame alte Jungfer bin ich
die keiner zur Freundin will,
geschweige denn zu Frau.
Meine Arme sind leer.

Sehe ich junge Mütter mit Kindern
geht ein Schwert durch mein Herz.
Wie gern hätte auch ich Leben geschenkt.
Doch es blieb mir verwehrt.

Sehe ich ältere Paare in inniger Vertrautheit vereint
zerreißt es mir die Seele.
Wie gern wäre auch ich
mit einem geliebten Menschen alt geworden.

Aus irgendeinem Grund habe ich es
in all den Jahren nicht geschafft
mit Menschen eine dauerhafte
Freundschaft oder Beziehung aufzubauen.

Gott weiß, ich habe es versucht!
„Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei“
sprach Gott, als er für Adam Eva erschuf.
Ich flehte ihn an, auch mir eine Hilfe zu geben.

Alle mir möglichen Mittel und Wege wandte ich an.
Viele gute Ratschläge, die man mir gab, befolgte ich.
Ich betete, hoffte und glaubte.
Menschen, die ich liebte, brachen mir das Herz und ließen mich allein.

Meine innere Stimme klagt mich an:
Du bist selbst schuld, es liegt allein an dir,
du bist nicht liebenswert und außerdem  -
wärst du ein besserer Christ,
dann würde Gottes Liebe dir genügen.
Wozu brauchst du überhaupt Menschen?

Hier sitze ich nun
vor dem Angesicht Gottes
und weiß nicht mehr, worum ich noch beten,
worauf ich noch hoffen soll in diesem Leben.
Muss ich wirklich auf den Himmel warten?
Was soll ich dann noch hier auf der Erde?
Ich weiß es nicht.

Ich will nicht mehr leben.
Ich bin so unendlich müde.
Ich möchte schlafen und nicht mehr aufwachen.
Das Leben ist eine Wüste, öde und leer.

Schritt für Schritt schleppe ich mich weiter.
Meine Seele dürstet nach Liebe.
Gott ist die Liebe. Er liebt mich doch!
Dennoch lässt er mich in dieser gefühlten Einsamkeit.

Geht Gott so mit der geliebten Seele um?
Ja, er schweigt in seiner Liebe.
Du schweigender Gott, ich liebe dich!
Auch wenn ich dich nicht verstehe
werfe ich mein Vertrauen nicht weg.

Gib mir nur Kraft für diesen Tag.

 

Mein Lieblingslied, wenn ich traurig bin und mich einsam fühle:

 

 

Links zu Depressionen und Sozialer Angst und Schüchternheit:

Was ist soziale Phobie

Selbsthilfeportal zu Depressionen und Selbstmord

 

 

 

 

Diese Seite unterstelle ich in besonderer Weise dem Segen und dem Schutz Gottes sowie der Fürbitte und dem Patronat der heiligen Muttergottes, ihrem heiligen Bräutigam Josef und dem Schutzheiligen der Suchenden, dem heiligen Antonius von Padua.
 
 

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