Geschichten der Nächstenliebe

Bushaltestelle

Margarete Singermann, genannt Berta, saß am Fenster in ihrem geliebten Ohrensessel und sah nach draußen. Jetzt, wo die Tage kürzer wurden und auch rauer, verbrachte sie manche Stunde an diesem Ort. Als sie ihre Lesebrille vom kleinen Beistelltisch nahm, fiel ihr Blick aus dem Fenster hinaus auf die Straße.

Da saß sie ja schon wieder auf der Bank, die zur Bushaltestelle gehörte. Ihr Blick streifte die Frau, die dort saß. Wenn sie nur wüsste, was mit ihr ist. Seit Tagen kommt sie immer um die gleiche Zeit, egal ob es regnet oder ob die Sonne scheint. Setzt sich auf die Bank und lässt einen Bus nach dem andern an- und abfahren, ohne sich zu regen oder einzusteigen.

"Ich muss es wissen", murmelte Berta. Mit energischem Schwung stand sie auf. Wer Berta gut kannte, wusste, dass sie, wenn eine Sache anfing sie zu interessieren, nicht eher locker ließ, bis sie alles genau wusste. Nachdem sie sich in der Diele ihren Lodenumhang umgelegt hatte, ging sie, so schnell sie es mit ihrem Stock vermochte, nach draußen. Ihr Schritt war energisch. Die alte Dame auf der Bank zuckte zusammen, als sie Berta so plötzlich vor sich sah und diese sie mit ihrer etwas dunklen Stimme ansprach: "Also, ich heiße Margarete Singermann, kurz Berta genannt, und ich wohne dort gegenüber in dem kleinen, roten Backsteinhaus mit dem kleinen spitzen Türmchen. Ich beobachte Sie schon seit Tagen und ich will wissen, was los ist!"

Etwas irritiert sah die alte Dame auf Berta. Was sollte sie machen? Dieser fremden Frau mit den freundlichen Augen einfach alles sagen? Doch Berta hatte schon neben ihr Platz genommen und sah sie aufmunternd an. "Ich war so frei. Meine Beine wollen nicht mehr so richtig. Am besten erzählen Sie mir, was Sie bedrückt." Berta blickte ihre Banknachbarin auffordernd an.

"Ich heiße Maria Brenner und wohne bei meiner Tochter. Ich bin erst seit einer Woche hier. Als mein Mann gestorben war, zog ich ins Seniorenheim. Drei Jahre wohnte ich dort. Dann meinte meine Tochter, es wäre doch schön, wenn ich zu ihr käme. Dann wären wir wieder alle zusammen und außerdem, so mein Schwiegersohn, könnte ich ja das Geld, das ich dem Heim gebe, auch ihnen geben. Ich hörte auf sie und nun...", hier brach ihre Stimme ab. Berta legte den Arm um sie. "Was heißt nun? Was geschah dann?" "Nun lebe ich seit ein paar Tagen bei ihr, aber es ist nicht so, wie ich es mir vorgestellt habe. Nicht einmal Kaffee darf ich mir kochen. Wir leben sehr beengt, aber daran könnte man sich ja gewöhnen. Nur diese ewige Bevormundung halte ich nicht mehr aus. Meinen Lebensabend hatte ich mir schöner vorgestellt."

"Und wenn Sie zurück ins Seniorenheim gehen?" "Das geht nicht so schnell. Mein Platz ist schon wieder belegt und die Warteliste ist lang." Ein tiefer Seufzer entfuhr ihrer Brust. Berta überlegte kurz, stand auf, ergriff ihren Stock mit der einen und den Arm von Maria Brenner mit der anderen Hand. "Kommen Sie, Maria, ich darf doch Maria sagen, oder?", und ohne auf eine Antwort zu warten sprach sie weiter: "Maria, Sie kommen mit mir. Hier ist es kalt und bei einer Tasse Kaffee lässt sich bestimmt eine Lösung finden. Auf geht's!"

Maria Brenner war mutlos und deshalb ließ sie sich mitziehen.

Als sie später ihren Kaffee trank, ging es ihr besser. Eine wohlige Wärme machte sich in ihr breit. In der Gegenwart von Berta fühlte sie sich wohl. Es kam ihr vor, als würden sie sich schon länger kennen.

"Also, ich habe eine Lösung. Sie ziehen zu mir. Ich bin allein, Sie sind allein und zusammen werden wir es uns gemütlich machen. Das Haus ist groß. Also abgemacht?" Berta hielt die rechte Hand Maria hin und diese legte zögernd die ihre hinein.

"So, das hätten wir geklärt und morgen holen wir Ihre Sachen. Punktum!" Maria erwiderte nichts. Sie spürte, wie ihre Augen nass wurden. Sie konnte es noch nicht so recht glauben, dass sie eine Lösung gefunden hatten. Aber ein Blilck in Bertas Gesicht sagte ihr, dass es wahr war. Wie schön war doch die Welt!

Anges Marx

Spontane Hilfe

Es ist Freitag, 12 Uhr mittags, in einer Gro�stadt. �berall herrscht ein reges Verkehrsleben. So auch im Untergescho� einer Bahnhofspassage. Unter den vielen Dahineilenden ist auch ein alter Mann, der auf zwei St�cken gest�tzt � m�hsam zur Fu�g�ngerzone hinaufbalanciert.

Unz�hlige Menschen kommen an dem Mann vorbei und sehen, wie schwer er die Treppe hinaufsteigt. Viele unter den Vorbeigehenden werden sich die Frage gestellt haben: Soll man als hilfsbereiter Samariter in Aktion treten oder soll man diskret vorbeischauen? Zwar wissen wir, dass mancher Invalide eine unn�tige Hilfe als Angriff auf sein schwer zur�ckerobertes Selbstbewusstsein empfinden k�nnte. Andere dagegen haben einen hilfreichen Arm dringend notwendig und w�rden sich riesig dar�ber freuen, wenn er ihnen angeboten w�rde. Wie also soll man sich entscheiden? F�r zwei junge M�nner in Jeans-Hosen hat sich diese Frage erst gar nicht gestellt. Als sie den alten Mann inmitten des Menschengw�hls auf der Treppe sehen, gehen sie spontan auf ihn zu und nehmen ihn ohne lange Diskussionen in ihre Mitte. Und das Erstaunliche daran: Alles geht fast wie selbstverst�ndlich . Die beiden jungen M�nner geleiten den gebrechlichen alten Mann ganz langsam und behutsam nach oben. Stufe f�r Stufe helfen sie ihm die steile Treppe hinauf. Es f�llt kaum ein Wort. Unendlich langsam erscheint das alles � inmitten der vielen vorbeihastenden Menschen.

Als die drei oben in der Fu�g�ngerzone ankommen ist der alte Herr ersch�pft. Er ist so ersch�pft, dass er sich bei seinen beiden Helfern nicht gleich geb�hrend bedanken kann. Aber er braucht es gar nicht mehr: Die beiden jungen Burschen sind l�nst im Trubel und in der Menge der vielen Fu�g�nger untergetaucht.

Ist das nicht eine gro�artige Geste, die die beiden Jugendlichen hier an den Tag gelegt haben? Als w�re Hilfsbereitschaft in unserer Zeit die selbstverst�ndlichste Sache der Welt.

Reinhard Abeln

 
Die alte Frau

Im Dorf meiner Kindheit wohnte eine arme alte Frau, die mit einem Leierkasten vor die H�user fuhr, der immer das gleiche Lied kr�chzte. Da sie wegen ihrer alten Kleider unangenehm roch, blieb niemand in ihrer N�he oder wich ihr gleich aus. "Sie ist verr�ckt", sagten die Leute, denn wenn sie lief, schaute sie krampfhaft auf den Boden, damit sie keinen K�fer tottrat, und wenn sie an den hohen alten B�umen vorbeiging, nahm sie jedes Mal ihren alten Strohhut ab, um ehrf�rchtig die B�ume zu gr��en. Sie nahm ausgesetzte Katzen und Hunde zu sich; in dem kleinen Stall hinter ihrem H�uschen standen zwei Ackerg�ule, die sie vor dem Schlachthof gerettet hatte.

Eines Tages kam ein junger Vikar ins Dorf, der die lange vakant gewesene Pfarrstelle wieder besetzte. Er war ein freundlicher, geselliger Mensch, und die Dorfbewohner mochten ihn gleich. Im Winter nahm er die alte Frau bei sich auf, da sie in ihrem kleinen H�uschen nicht heizen konnte. Er versorgte ihre Tiere, und manchmal sah man die beiden spazieren gehen.

"Sie wird Sie bestehlen", meinten die Leute. � "Nun, wenn sie etwas wegnimmt", entgegnete der junge Vikar, "dann wird sie es eben n�tiger brauchen als ich."

Als im Gemeindesaal eine Feier war, sa� sie neben ihm. Weil die Leute alle von ihnen abr�ckten, erz�hlte der Vikar laut, wie vielen Tieren die Frau das Leben gerettet hatte und dass sie aus Ehrfurcht vor deren Leben Vegetarierin geworden war. Dann stand er auf und tat etwas, was die Dorfbewohner total durcheinander brachte: Er umarmte die alte Frau.

Maria Stiefl-Cermak

 

Eine Friedhofskatzenliebe

Ich verbrachte meine Sommerferien bei meinen Gro�eltern in Heidelberg. Leider starb ein Schulkamerad meiner Omi und wir gingen zu dessen Beerdigung auf den Bergfriedhof. Da wir etwas zu fr�h dort waren, schauten wir uns sch�ne alte Gr�ber an; u. a. das vom ersten Reichspr�sidenten Friedrich Ebert.

gleich daneben arbeitete eine �ltere Frau an einem Grab. Neben ihren F��en sa� ein rot getigertes, gepflegtes K�tzchen. Da wir sehr verwundert waren, frage meine Omi, ob das K�tzchen sie auf den Friedhof begleitet.

Die Frau war erst sehr wortkarg, doch als sie h�rte, dass meine Omi wie auch ich eine Katze besitzen, wurde sie sehr gespr�chig. Sie erz�hlte und, dass sie seit dem Tode ihres Mannes im Jahre 1997 t�glich auf den Friedhof kommt und dabei die wilde Katze kennenlernte. Sie zeigte uns ihren Korb, wo s�mtliche Utensilien zur Katzenf�tterung- und Pflege drinnen waren. Hinter dem Grabstein hatte sie eine mit Dachpappe belegte Kiste aufgestellt, in der eine Decke und ein kleines Lammfell lagen. Dort hat die Katze einen warmen und trockenen Unterschlupf.

Wir waren hellauf begeistert �ber so viel Tierliebe, wo doch so viel Unmenschlichkeit in der Welt vorherrscht.

Cosima Kristahn, 15 Jahre (Gefunden im Wochenkurier vom 31.07.03)

 

 

Brauchen Sie Stille?

Wir waren auf einer Reise durch Holland zu Gast bei einer Familie, deren Adresse uns durch Freunde vermittelt worden war: junge K�nstler, in sehr moderner, freiz�giger Art. Als wir uns am Abend zu Tisch setzten und die Kinder mit hungrigen Augen schon zu L�ffel und Gabel griffen, fragte uns die Hausfrau in deutsch: "Brauchen Sie Stille?" Erst waren wir fast sprachlos.

Es war die sch�nste Frage nach einem Gebet, die wir jemals geh�rt hatten. Wir werden diese drei Worte nie vergessen.

Verfasser unbekannt

 

 

 


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